FT Ernst

P S Y C H A O S

T h r i l l e r


Giovanni Arese ist ein smarter Typ, schwarzgelockt, Römerprofil, sportlich durchtrainiert. Everybodies Darling, der sich vor den Nachstellungen der Frauen nicht retten kann. Es schmeichelt ihm, Mittelpunkt zu sein, angehimmelt zu werden.. Er ist eitel, man kann sagen die personifizierte Eitelkeit. Die Affären kommen ihm gelegen. Er hatte schon immer welche seit seiner Pubertät, in die er hineinwuchs wie in eine Selbstverständlichkeit, nicht beschwert von Pickeln und Minderwertigkeitskomplexen. Im Gegenteil: er wurde bewundert wie ein Filmstar, manchmal träumte er davon, einer zu sein. Er fühlte sich fabelhaft.

Auch Carlo, der Prinzipal, schätzt ihn, aber weniger wegen der Affären, die er selbst gern gehabt hätte wie Giovanni, wäre er nur attraktiver gewesen. Er schätzt ihn hauptsächlich wegen seiner universellen Begabungen, die er der Organisation zur Verfügung stellt. Er hat das, was die meisten anderen Mitglieder nicht haben. Er ist intelligent, gewandt, hat gute Manieren, ist geschickt in Verhandlungen, und er ist in allem, was er in die Hand nimmt, erfolgreich. König Midas, in einem Alter von knapp 30 Jahren.

Carlo Ponte entschliesst sich eines Tages, ihn in die "Provinz" zu schicken mit einem besonders heiklen Auftrag, einem Geheimauftrag, wie Carlo ihm zu verstehen gab, dessen Einzelheiten ihm noch bekannt gegeben werden, wenn er sich mit seinem neuen Umfeld in "Euro-West" vertraut gemacht hat. Aber so viel liess Carlo schon durchblicken: Reorganisation, straffe Führung, "preussisches" Regiment. Allenthalben fehlt es an Schwung, an Ideen, der Schlendrian ist allüberall, verstehst du? Den musst du beseitigen, Giovanni. Ich setze auf dich. Gianfranco Testere bringt nicht mehr viel, ein Faulenzer, Herumtreiber, Du weißt, dass er mehr im ASPIK als auf seinem Posten ist, fettgewordener Hurenbock. Weißt du, Junge, den sollst du ganz allmählich, mit meiner Unterstützung natürlich, allmählich und unauffällig, schrittweise ersetzen. Weißt du, seine Kompetenzen sind nicht mehr viel wert, obwohl er Freunde hat, gute Verbindungen, zu örtlichen Behörden und nach Brüssel. Das ist der Grund, warum der Wechsel nicht abrupt durchgeführt wird, sondern mit aller Vorsicht.

Ich verstehe, sagte Giovanni.

Du ziehst Gianfrancos Kompetenzen peu a peu an dich, vermeidest nach Möglichkeit den offenen Streit, kontrollierst ihn überall. Du weißt, was ich meine. Und berichtest mir.

Ja, doch.

Vorerst ist noch Rücksicht zu nehmen, aber nicht mehr lange, das verspreche ich dir. Mit Gianfranco fertig zu werden, ist nicht ganz leicht, nimm es also nicht auf die leichte Schulter. Und vergiss auch nicht, dass du dich jederzeit an mich wenden kannst.

Danke, Chef.

Was Carlo niemandem sagte, war, Giovanni erst einmal unauffällig zu testen, bevor er ihm das Heft in die Hand gibt. Gianfranco wusste davon, auch ihm hatte Carlo Avancen gemacht, aber nicht gesagt, was alles er Giovanni versprochen hatte. Nach Carlos Willen sollten die beiden vielmehr parallel agieren, Giovanni sollte möglichst die heiklen Aufgaben übernehmen, während Gianfranco die Routinearbeit tun sollte. Carlo wollte so ein wachsames Auge auf Giovanni haben. Seine insgeheime Sorge war, ob er sich immer und überall auf ihn verlassen kann. Carlo ist ein vorsichtiger Mann.



Es wird für Giovanni, der Carlos Schachzug früh durchschaut, ein Drahtseilakt werden, auch ein Übergang in eine neue Situation, die er so bisher nicht kannte, auch eine Herausforderung, die ihn reizt. Carlo Ponte hatte ihm gegenüber immer betont, fast zu auffällig, zu dick aufgetragen, dass Gianfranco ein zwielichtiger Mann ist. Das gab ihm zu denken und liess Misstrauen entstehen.

Zu dieser Zeit kamen Giovanni erste Zweifel an Carlos Rechtschaffenheit ihm gegenüber.

Das Für und Wider von Giovannis Wechsels hatte Carlo mit seinen engsten Mitarbeitern besprochen, und sie waren alle zusammen zu dem Schluss gekommen, dass Gianfrancos dolce vita-Allüren letztlich alles aufs Spiel setzten.

Das war zweifellos übertrieben von Carlo dargestellt. Giovanni wurde ein ungutes Gefühl nicht mehr los. Giovanni gegen Gianfranco

Giovanni ist anders. Er ist, obwohl Playboy, bisher immer zuverlässig gewesen, nach dem Motto: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Er hat Intelligenz, ist durchsetzungsfähig, hat sogar etwas Preussisches an sich, ein ihm anhängendes Attribut, worüber man lächelt. Er sieht nicht preussisch aussieht, eher wie einer der lässigen Dressmen aus Rom, aus Hollywood, einer der coolen Yuppie-Typen aus London, der überlegenen Playboys mit dem kleinen Schuss Zynismus, den man bisweilen von seinen leicht geschürzten Lippen ablesen kann.

Ein schwer einzuordnender Typus, nicht per primam vistam zu erkennen. Er spricht ausser seiner Muttersprache deutsch, englisch, französisch, spanisch, und zwar ziemlich akzentfrei. Seine Gesprächspartner sind verwundert, wenn sie ihn polyglott erleben.

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Versteht ihr das, fragte Carlo in die Versammlung hinein, dass ich Giovanni dem Gianfranco vorziehe? In meinen Augen ist er der ideale Mann für den Job. Oder hat einer von euch Einwendungen zu machen? Ja, ja, ihr könnt und sollt sie machen, wenn sie stichhaltig sind. Je einvernehmlicher wir sind, desto besser für uns. Ihr kennt mich und wisst, dass ich mit mir reden lasse.

Nun, wie steht’s? fragte er in die Stille der Versammlung hinein.

Die Versammlung nickte zustimmend, war einverstanden, es gab keine Einwände, Giovanni ist ohne Zweifel der Favorit.

Carlo hatte sein Doppelspiel taktisch klug eingefädelt, nicht für jedermann erkennbar, ausser für Giovanni. Was bezweckt er, warum diese Unaufrichtigkeit?

Carlo pflegte in seiner Ansprache ein Understatement, gab sich väterlich mit einem Schuss Güte, etwas umständlich, er verfing sich in Wiederholungen, suchte gelegentlich nach Worten, die wie Entschuldigungen klangen.

Ein glänzender Schauspieler, flüsterte Giovanni seinem Freund Guilhelmo zu.

Ja, sagte Guilhelmo, aber etwas tantig. Ist das eine neue Strategie?

Du hast Recht, aber ihr haltet jetzt besser die Schnauze.

Carlo redete weiter: also, Leute, die Sache ist beschlossen, basta. Die Rechenschaftsberichte Gianfrancos sind, wie ihr wisst, unvollkommen und teilweise falsch, unlogisch, schludrig. Ich bin nicht gewillt, das weiter hinzunehmen.

Was mag er damit bezwecken, fragte jemand seinen Nachbarn in der letzten Reihe?

Taktik, alles Taktik, sagte der Nachbar. Er will sie beide herausfordern, aber doch am Zügel behalten.

Carlo wurde im Laufe seiner Ausführungen sicherer, war wieder der alte, schwebte auf einer Woge der Zustimmung und begann, seine Worte genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen. Das ist nicht Fisch und nicht Fleisch, dozierte er, was Gianfranco da von sich gibt, halbherzig, lustlos, findet ihr nicht? Er ist mir zu selbstherrlich geworden, versteht ihr?

Ich will euch nicht mit Einzelheiten langweilen, die ihr ohnehin kennt.

Die Versammlung nickte wieder zustimmend.

Also, um es zusammenzufassen: damit muss jetzt Schluss gemacht werden. Wir können uns das in Euro-West nicht mehr leisten, oder wir können gleich einpacken.

Giovannis Missbehagen wuchs, je länger der Padrone redete. Zu dick aufgetragen, unglaubwürdig. Was mag der alte Fuchs damit bezwecken. Den einen oder anderen mag er ja damit beeindrucken, aber doch nicht mich. Will er die Flucht nach vorne antreten, von seinem eigenen Mismanagement ablenken, den Akzent auf Euro-West setzen?

Er wurde den Gedanken nicht mehr los, während Carlo sprach.

Francesco in der letzten Reihe flüsterte wieder: Der Gianfranco soll wie ein Duodezfürst leben, trotz seiner Tarnung als Kneipwirt, man spricht auch von einem Edelbordell, das er kontrollieren soll. Kannst du dir das vorstellen, Gianfranco als Oberbock? Den würde ich gern mal beim Aufspringen sehen.

Halt die Schnauze, du Idiot, zischte Dino, du bringst uns noch in des Teufels Küche.

Und Carlo laberte weiter: bezüglich der Person Giovannis gibt es also keine Bedenken und in sachlicher Hinsicht auch keine. Euro-West hat im Moment Priorität, wie ihr wisst. .. Ihr kennt die Situation. Das sollte genügen, basta.

Er ging auf Giovanni zu, umarmte ihn und gab ihm den Bruderkuss.

Danke, sagte Giovanni, vielen Dank.

Er fühlte die Blicke aller auf sich gerichtet, wohlmeinende und nicht wohlmeinende, letztere von Leuten, die sich übergangen fühlten.

Giovanni Arese fühlte einen Kloss im Hals.

Bedeutete die neue Aufgabe doch nichts anderes, als ihn fester als bisher in die Organisation einzubinden und zugleich zu beschneiden, anstatt ihm Freiheit und Eigeninitiative zu geben. Man wird ihn argwöhnisch beäugen, ihn auf Schritt und Tritt überwachen, er wird diese ganzen Unerfreulichkeiten aushalten müssen.

Er kannte das Procedere und begann, es zu hassen. Das ist der wunder Punkt. Plötzlich, wie aus heitrem Himmel, überkam ihn der Gedanke ans Aussteigen.

In Euro-West wird es leichter sein als in Italien, sich zu verkrümeln. Er wird nach Brüssel reisen oder Strassburg, tagelang als journalistischer Beobachter in Konferenzen sein, in verschiedenen Hotels wohnen, in Menschenknäueln unsichtbar werden. Eine verlockende Perspektive.

Carlo hat nicht bedacht, was er tat, als er ihn auf diesen Posten beförderte, oder etwa doch? Doch, der muss es bedacht haben.. Giovanni hätte bei passender Gelegenheit die Staatsanwaltschaft auf Carlo aufmerksam machen können, so aber, nach diesem überwältigenden Vertrauensbeweis, muss der junge Mann linientreu bleiben, wenn er kein Hundsfott sein will. Carlo weiss sehr wohl, was er tut. Ein Schachspieler, der alle Züge vorausdenkt. Alle, wirklich alle? Er könnte den entscheidenden übersehen haben.

Zwei gewiefte Taktiker sind gegeneinander angetreten. Teufel und Beelzebub, mal sehen, wer wen zuerst austreibt. Früher oder später wird einer ausgetrieben.



Die Leute der Cam werden in kleinen Zirkeln zusammenkommen, umeinander wieseln, sich gegenseitig ihrer alten Freundschaften versichern, auch wenn sie nicht echt sind. Vertrauen vortäuschen.

Die Organisation sieht gespannt auf den neuen Mann in Euro-West, erwartet von ihm spektakuläre Entscheidungen. Top oder Flop, das ist die Frage, und beides liegt sehr eng beieinander.

Geschmeidigkeit, um die Farce zu kaschieren. Den Rückzug antreten, noch bevor die Tätigkeit begonnen hat und bevor jemand ihn durchschaut. Jonglieren, Geschäftigkeit vortäuschen, keine Zeit vertrödeln.

Giovanni hatte sich psychologisch und logistisch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Ausgerechnet der Playboy benötigt die vier Kardinaltugenden des Agathon, des Hausherrn des platonischen Symposions: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mass. Und Cleverness.



Am Tage X machte er sich auf den Weg, - solo, wie Carlo strikte verlangte. Halte dich an deinem neuen Wirkungsort zunächst zurück, du musst dich ja nicht gleich mit einem Harem schmücken, sagte er und lachte. Junge, du kennst mich und weißt, wie ich das meine, ok?

Natürlich weiss ich das, und ich möchte mich für das Vertrauen bedanken.

Bevor er fuhr, rief er Ornella Mughi an, die Freundin und Kombattantin der letzten Zeit. Er skizzierte in kurzen Zügen seine künftige Tätigkeit. Du solltest mitkommen, Carlo Ponte darf das nicht erfahren, oder nachkommen, wenn ich Fuss gefasst habe. Ich brauche dich.

Ja, Ornella war bereit und durchaus nicht abgeneigt, ihm zu folgen, zudem sie seit langem eine geheime Zuneigung zu ihm spürt. Sie wusste, worum es gehen würde. Endlich mal wieder handeln können.



Sie hatten über Umweltprobleme diskutiert, den ungebremsten Ausstoss von ungefilterten Abgasen, über betrügerische Falschetikettierungen von Lebensmitteln, über nicht artgerechte Tierhaltung, über geldgierige Bereicherungen, die Verfütterung beigemengter Tierkadaver und Klärschlämme an Pflanzenfresser. Auch über verbrecherische Manipulationen habgieriger Grosshändler und die Bestechlichkeit von Behörden. Diese Machenschaften müssen unterbunden werden, wenn wir ein humaneres Mafiatum alter Prägung wiedereinführen wollen, den Selbstschutz durch Vereinigung vor Staats- und Kartellbevormundung. Mafia heute ist alles das, was ausufert.

Euro-West bietet Gelegenheit, dem Ideal der Humanisierung der Cam nahezukommen. Er und Ornella werden an ihrem Plan dazu arbeiten, unauffällig, scheinbar linientreu, aber konsequent und mit bisher nicht gekannten Mitteln, eine selbstgestellte Aufgabe, auf die sie sich freuen..

Nach dem Ortswechsel mietete er sich ein, er hatte eine grosszügige, aber keine luxuriöse Wohnung gemietet in einem Viertel nahe dem Lokal "Uno", das Gianfranco betreibt und in dessen Nähe noch andere Mitglieder der Organisation wohnen, die meisten von ihnen kennt er nicht, es existieren Namen auf seiner Liste, die ihm nichts sagten, und die Pässe waren durchweg gefälscht. Gianfranco Testere benutzte einen Namen, den er noch nicht kannte.

Über kurz oder lang wird der Mann das Feld räumen müssen. Mit diesem Schachzug, den er sorgfältig vorbereitet hatte, würde ein überschaubar kalkuliertes Chaos beginnen, das Chaos in den Köpfen.

Bei den Behörden gab Giovanni als Beruf Kaufmann im Im- und Export an, was ja auch im Wesentlichen stimmte, wenn man seine Tätigkeit nicht so eng sieht. Es gab beim deutschen Einwohnermeldeamt keinerlei Schwierigkeiten, und er hatte auch keine erwartet.

Giovanni wohnte ein paar Tage im Steigenberger Maxx Hotel, machte die Bekanntschaft des Hoteldirektors Merz, der sofort von Giovannis liebenswürdigen Art eingenommen war, und es gab in der Folgezeit reichlich Gelegenheiten zu weiteren Kontakten, bei den Mahlzeiten und abends an der Bar. Giovanni konnte sicher sein, diesen Mann zum Freunde gewonnen zu haben, ein Umstand, den er bewusst forciert hatte, und das nicht nur aus Berechnung. In seiner Situation ist es wichtig, einen verlässlichen Freund zu haben.

Eines Abends machte er die Bekanntschaft einer Dame, als Giovanni mit Merz an der Bar sass. Sie sass 2 Hocker weiter neben Giovanni, der ein paar Mal zu ihr herübersah, und sie beantwortete seinen Blick unzweideutig, mit einem Blitzen in den Augen. Später, als Merz gegangen war, kamen sie ins Gespräch, stellten einander vor, Frau Fröhlich, Gast im Maxx, eine bemerkenswert gut aussehende Erscheinung, dezent sexy gekleidet, und beide waren nicht verwundert, dass es sofort knisterte.

Anita Fröhlich machte ihrem Namen Ehre, eine gut gelaunte, muntere Frau, strahlendes Lachen, gekonnt kokettierend an der Grenze zur Frivolität, aber nicht unfraulich. Eine Frau, die Giovanni lange gefehlt hatte, nun aber da war, wie selbstverständlich da war.

Merz hatte den Flirt bemerkt und hielt sich zurück. Giovanni kam allabendlich an die Bar, und Anita kam auch. Sie führten lange Gespräche mit spritzigen und witzigen Passagen, mit Lachen und Augenzwinkern. Sie gingen danach zu Anita in deren Appartement auf einen abschliessenden Schluck Champagner, bevor sie miteinander schliefen.

Der Umgang mit Gianfranco würde heikel werden. Der Mann wusste nur zu gut den wahren Grund von Giovannis Hierseins. Aber sie wahrten beide den Schein, gaben sich leutselig, fast freundschaftlich. Offene Feindschaft war noch nicht opportun.

Man kannte sich aus der Heimat, gut sogar, es gab eine Reihe von früheren Gemeinsamkeiten, nicht unbedingt gleiche Interessen, auch keine Freundschaft oder gar Wertschätzung. Noch war man war aufeinander angewiesen, und beide wussten es.

Bei Gianfranco liefen viele Fäden zusammen, er betrieb die Kneipe zum Schein, hauptsächlich aber als Nachrichten- und Befehlszentrale, und er hatte eine Beteiligung am Edelbordell ASPIK.. Giovanni war Profi genug, das schnell zu erkennen.

Er hatte sich vorgenommen, Gianfranco keinen Anlass zum Misstrauen zu geben und den Konflikt nicht früher, als nötig, ausbrechen zu lassen.

Im " Uno" wusste man von Giovannis psychologischen Fähigkeiten, von seiner daher rührenden Gefährlichkeit; es hatte sich herumgesprochen. Man wusste vor allem, dass ihm nichts vorzumachen war. Er galt als typischer Querdenker, nicht zu jedermanns Freude. Manche fürchteten ihn, besonders die, die etwas zu verbergen hatten.

Zwischenzeitlich war Giovanni in seine Wohnung eingezogen, die er gelegentlich betrat, meist aber die Nächte bei Anita verbrachte. Der Gedanke an Ornella bedrückte ihn ein wenig, die er brauchte, aber nicht unbedingt liebte, und er wollte die Verbindung zu Anita auf keinen Fall aufgeben. Ornella würde es eines Tages erfahren, würde die Kröte wohl oder übel schlucken müssen. Sie ist ja auch nicht zimperlich, sie kannten einander genügend und würden die Affäre akzeptieren.. Nur hier würde es für sie schwierig werden, neue Kontakte zu knüpfen.

Immer, wenn er ins Uno ging, begrüsste ihn der Wirt mit einem Hallo und comme e stai? Und Giovanni antwortete artig: grazie, va bene. Und dann kam die übliche Umarmung und der Judaskuss. Lass dich anschauen, alter Junge. Gut siehst du aus. Was möchtest du essen und trinken?

Gib mir zuerst mal einen Grappa Julia, prego.

Certo, Giovanni, du bekommst deinen Grappa. Und was möchtest du essen?

Eine gewöhnliche Pizza rabbiata und ein Viertel vino rosso.

Selbstverständlich.

Der Wirt gab die Bestellung in die Küche, er sah sich im Hinausgehen im Lokal um und überlegte, ob er den gerade eingetretenen Gast kannte. Nein, er war nicht sicher, der Name fehlte ihm, aber das Gesicht, wo hatte er dieses Gesicht schon einmal gesehen?

Giovanni sah den Mann auch im den Spiegel hinter dem Tresen. Er kannte ihn auch vom Sehen, nicht dem Namen nach, aber das Gesicht war ihm bekannt.

Du musst wissen, sagte Gianfranco, als er den Grappa brachte, dass es hier auch Gäste gibt, die nicht zu uns gehören, Zufallsgäste und ein paar Neugierige, die mal was von Mafia gehört haben und meinen, hier fündig zu werden. Diese Sorte Gäste kommt nur einmal, weil sie enttäuscht wird. Dieses Bistro ist stinknormal.

Ich dachte es mir..

Aber den, der gerade hereingekommen ist, - Gianfranco machte eine Bewegung mit dem Daumen -, kennst du den vielleicht?

Ich bin nicht sicher, sagte Giovanni. Aber ich meine, ihn schon mal irgendwo gesehen zu haben.

Hast du ihn dir genau angesehen?

Doch, vorhin, als du in der Küche warst, im Spiegel.

Wenn dir was zu dem einfallen sollte, sage es mir, sagte Gianfranco. Er ist, glaube ich, ein wichtiger Mann. Ich hoffe, dass uns der Name noch einfällt.

Dann kam die Pizza, sie war genau richtig im Geschmack, und Giovanni ass sie mit Appetit und Vergnügen. Paprika satt, die Tränen stiegen ihm in die Augen. Sie ist wie zu Hause, bravo, amico.

 

 

2

Giovanni neigte von jeher dazu, zunächst alles selbst zu erkunden und sich ein eigenes Bild zu machen, bevor er etwas übernahm. Er setzte auf die eigenen Sinne mehr als auf Informationen. Der "Seher", wie bisweilen getuschelt wurde. Er selbst würde sich nicht so apostrophieren. Es machte ihm aber nichts aus, so genannt zu werden.

Gianfranco sah ihm beim Essen zu und lauerte wahrscheinlich darauf, dass er irgendwie etwas Neues erzählen würde.

Weißt du, sagte Giovanni schliesslich, um nicht unfreundlich zu sein, ich habe ein paar Aufträge. Ich muss zum Beispiel den Brüsseler Bonzen auf die Finger sehen. Verstehst du? Informationen aus erster Hand ergattern, mich irgendwie einschleichen, mich unter die Journalisten mengen...

Hm, ja, doch. Das wird aber nicht leicht.

Europa liegt voll im Trend, wie du weißt, jetzt müssen die Wege für unsere Zwecke geebnet werden, da kann man nicht genug Informationen haben.

Keine leichte Aufgabe, wiederholte Gianfranco. Ich weiss, wovon du sprichst.

Nein, da hast du Recht, es wird nicht leicht sein.

Als er die Pizza geschafft hatte mit Tränen in den Augen, fiel ihm der Name des Mannes ein.

Er heisst Franco, Bertil Franco. Giovanni deutete mit dem Daumen in die Richtung, wo er sass und sein Bier trank..

Ja natürlich, sagte Gianfranco, komisch, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin.

Ich glaube, er ist jetzt in russischen Diensten.

Du könntest durchaus Recht haben. Möchte nur wissen, was der hier will.

Sich informieren, umsehen, sich sehen lassen. Hallo, Freunde, ich bin auch hier, so ähnlich..

Hm, eigentlich sehr unangenehm, er könnte uns in die Quere kommen.

Mir nicht, sagte Giovanni augenzwinkernd.

Gianfranco sah ihn ungläubig an, es schien, als ob er darauf antworten wollte, es aber unterliess. Er ist vorsichtig geworden.

Eigentlich ein unangenehmer Typ, der Gianfranco, das wurde Giovanni mehr und mehr klar. Carlo hatte nicht so Unrecht, ihn abzulösen. Aber bis dahin Vorsicht. Angeschlagene Tiger sind doppelt gefährlich. Wer nun gefährlicher war, Gianfranco oder Carlo, das liess Giovanni keine Ruhe, aber nur nichts anmerken lassen.

Bertil Franco trank sein Bier aus und kam zur Theke, um zu zahlen. Den Zettel, den er Giovanni zuschob, sah niemand. "Bitte morgen um 23 Uhr ins "ASPIK" kommen. B." ASPIK?, überlegte Giovanni, vielleicht sollte ich Gianfranco danach fragen? Nein, nicht, auf keinen Fall. Ab sofort generell nicht und nicht im besonderen. ASPIK klingt irgendwie merkwürdig, horizontal.

Später, in seiner Wohnung, suchte er die Adresse im Telefonbuch, fand sie, Hotel, Nachtbar. Aha, das also ist ASPIK, ganz in der Nähe gelegen, zu Fuss zu erreichen. Offenbar ein Bordell der gehobenen Preise. Giovanni entschloss sich, das Auto nicht zu benutzen, jemand könnte sich das Kennzeichen merken. Überhaupt Kennzeichen, er hat ein paar dabei zum Wechseln. Das könnte einmal erforderlich werden, behebt aber nicht das Manko, den Autotyp nicht gleichzeitig wechseln zu können. Oder vielleicht doch? Doch, doch, der Manager vom Autoverleih, den er im Maxx getroffen hat, mit dem Mann müsste klarzukommen sein. Bei nächster Gelegenheit Direktor Merz anrufen.

 

3

Bertil Franco sass im Foyer des ASPIK, umgeben von 3 rassigen Frauen. Sie tranken Champagner, Veuve Cliquot, wie Giovanni später feststellte. Als er eintrat, zogen sich die Schönen diskret zurück, nicht ohne mit Interesse angeschaut zu haben.. Frau Fröhlich war eine von ihnen. Giovanni war nicht sonderlich erstaunt, er hatte es fast erwartet.

Hallo, Bertil, hast du mir im Uno aufgelauert? Wieso wusstest du, dass ich in Deutschland sein würde?

Ach, sagte Bertil, lassen wir das. Der Nachrichtendienst funktioniert eben ausgezeichnet auch über die Organisations- und Landesgrenzen hinweg. Ich will nicht lange drumherum reden, ich kenne deinen Auftrag. Warum sollen wir uns unnötig etwas vormachen?

Ach ja?

Natürlich, das Warum und Wie wollen wir mal beiseite lassen. Also, wenn du gestattest, möchte ich dir ein paar Erklärungen abgeben, etwas weit hergeholt, aber zum Verständnis nötig.

Bitte, bitte, sagte Giovanni.

Also, die Lage ist, wie du mir bestätigen wirst, folgende: Der Euro ist beschlossene Sache, er wird zum 1.1.02 kommen. Viele glauben zu wissen, dass er nichts taugt, und er wird nach Süden und Osten immer schwächer, wenn ich das mal salopp sagen darf. Die wohlhabenden Länder müssen den Armen unter die Arme greifen, damit sie auf die Beine kommen. Macht bis zu 30% Defizit aus. Ne ganze Menge, wie ich finde. Da geht’s schon los mit der Verärgerung. Es wird innerhalb von Euroland, national und international, Turbulenzen geben, in der Politik, wo man sich über Beitrittskriterien bekriegt, als auch in der Wirtschaft und an der Börse. Es wird vermutlich weitere Börsenstürze geben, Zitterpartien, Herzattacken und möglicherweise einen weltweiten Crash.

Bist du sicher? Übertreibst du nicht?

Ich bin sicher. Die USA und ihr neuer Präsident lassen schön grüssen. Der Mann ist ein Cowboy aus Texas, politisch aber noch längst nicht sattelfest, muss sich noch auf allen Gebieten einrichten, aber er strotzt vor Selbstüberschätzung. Nach dem Wahlfiasco, den manche als Betrug bezeichnen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den starken Mann zu spielen, die Konzerne stützen ihn ab.. Er setzt sich über alles hinweg, zB. die Umweltbeschlüsse von Kyoto, wischt sie lässig vom Tisch, das inneramerikanische Interesse geht ihm vor, und. die amerikanische Wirtschaft applaudiert. Gegen die sind wir doch glatte Stümper.

Worauf willst du hinaus? Fragte Giovanni ungeduldig.

Piano, piano. Die Welt ist irritiert, fuhr Bertil fort, das Parkett nicht mehr so rutschfest wie noch vor Jahren. Jimmy war gegenüber George double-U "Mac Shit", ein echtes Talent, und zwar in jeder Hinsicht, ein richtiger Bock. Der Double ist zwar arrogant, aber blass, er wird die Wirtschaft nicht so schnell in den Griff kriegen, und Europa kommt in seinen Sog.. Und jetzt hör gut zu: den will meine Organisation ausnutzen, passiv, verstehst du, was ich meine?

Ich kann es mir denken.

Du dagegen bist in einer schwierigeren Lage, wenn ich das richtig sehe.

Wie meinst du das?

Nun ja, ich will dir nicht zu nahe treten, aber ich kenne deinen Auftrag, ihr wollt aktiv eingreifen, nicht wahr?

Inwiefern aktiv?

Ich sage nur MKS.

Und du glaubst zu wissen, dass ich mich mit der Frage von MKS befasse? Irrst du da nicht? Kennst du meinen Auftrag wirklich?

Können wir uns das Drumherumgerede nicht ersparen?

Du hast damit angefangen, sagte Giovanni.

Bertil atmete tief durch.

Wir wissen doch beide, dass du, sagen wir mal vorsichtig, auf einem bestimmten Sektor etwas nachhelfen sollst.

Du meinst, den Absturz beschleunigen.

So könnte man sagen. Nimm das aber nicht persönlich. Ich meine nur, da sitzt kolossal Sprengstoff drin, ich meine das mit dem Absturz.

Weiss ich auch.

Unsere Organisationen, deine und meine, registrieren jedes Detail, analysieren die Lage permanent. Aus meiner Sicht kommt es jetzt darauf an, nichts zu überstürzen, die EU nicht mit Gewalt in ein Desaster zu ziehen, sie schafft sich schon von selbst. Insofern können wir beruhigt abwarten.

Interessante Zeiten, sagte Giovanni gedehnt, um nicht ganz auf stur zu machen.

Es wird ein Hü und ein Hott geben, Mauscheleien, Korruptionen, Erpressungen, Nötigungen, Beamtenbestechungen, Überredungen und noch anderes. Stimmst du mir darin prinzipiell wenigstens zu?

Doch, doch, schon.

Mann, du bist so zögerlich, was ist los?

Ich denke nach, ich zerbreche mir den Kopf meiner Organisation und meinen eigenen.

Denken die beiden Köpfe verschieden?, fragte Bertil lauernd.

Ich will das nicht ganz ausschliessen, sagte Giovanni gedehnt.

Wenn du eine e-Mail bekommst, auf der beispielsweise nur A83E steht, solltest du zuerst A83E ausprobieren, das ist quasi ein Versuchsballon. Du musst allerdings auf dem qui vive sein. Geheimhaltung ist das A und O, Du kennst A83E, nicht wahr?

Ja, aber ich verspreche nichts. Die Sache ist zur Zeit noch zu komplex, und ich gehe lieber Stufe um Stufe vor.

Ich meine nur, sagte Bertil, du und ich, oder anders herum, unsere beiden Organisationen sollten nicht auf Konfrontationskurs gehen. Es sitzt für beide genug drin. Und die Gelegenheit, langsam in bestimmte Sektionen zu infiltrieren, war noch nie so günstig. Ich wäre für eine Kooperation im Sinne der Globalisierung, wir könnten die Hebel an mehreren Stellen ansetzen.

Er machte eine Pause, griff in die Tasche und gab Giovanni seine Karte. Ruf mich an, wenn du das Bedürfnis hast. Übrigens, sehr nettes Milieu hier, fabelhafte cleane Frauen, ich könnte dich mal einführen.

Ich denke darüber nach, Bertil.

Als Giovanni ging, traf er in der Tür mit Anita zusammen, die auf ihn gewartet hatte. Das Zusammentreffen hier war ihr nicht einmal peinlich.

Hübsch, dich hier wiederzusehen.

Nun ja, ich gebe zu, das ist etwas überraschend für dich. Enttäuscht?

Allerdings, aber nicht sehr, ich hätte es mir denken können.

Jetzt denkst du schlecht von mir, nicht wahr?

Ich komme abends um 10, ist dir das Recht?

Wunderbar, sagte Anita erlöst und liess ihre strahlende Zähne sehen.

Ok, Darling, ich freue mich. Du wirst nicht enttäuscht sein, hier ist es mindestens so feudal wie im Maxx.

Ok, Darling, und Giovanni ging nach einem flüchtigen Kuss. Übrigens, - er dreht sich um -, was hat Bertil dir von mir erzählt?

Alles, auch, dass eine gewisse Ornella Mughi zu dir zieht Wird das unsere Beziehungen beeinträchtigen?

Ich glaube nicht, sagte er lakonisch und ging endgültig.

4

Anita war atemberaubend schön. Wie kommt eine solche Frau dazu, sich in einem Bordell zu prostituieren? Wahrscheinlich nimmt sie exorbitant hohe Preise und ist zudem wählerisch. Warum hat sie mich nicht um Geld angegangen? Es wird ihr peinlich gewesen sein im Maxx, eine Prostituierte zu sein. Sie wird denken, sie könne sich a la longue anderweitig an mir schadlos halten, Bertil hat ihr wohl viel erzählt. Sie ist eine der edlen Kokotten, die früher bei Hofe waren und zur Mätresse aufstiegen und Politik machten. Heute greifen sie sich zielsicher die Geldleute.

Sie trug ein schwarzes, offenherziges Ensemble mit weiten Hosen, unter denen die hohen Hacken elegant und gefährlich hervorsahen, auf denen sie sich aber graziös bewegte und die Hüften schwingen liess.

Giovanni hatte schon immer die Frauen bewundert, die auf so etwas gehen können, wie jetzt, als er ihr folgte. Der Erwerb solcher Schuhe sollte waffenscheinpflichtig sein; ein Hieb auf den Kopf mit der Stahleinlage des Absatz kann tödlich sein. Giovanni kannte praktisch nur diese Art von Frauen. Hohe Hacken sind sexy, sie signalisieren Leidenschaft.

Sie ging voran in einen Flur, an dessen rechter Seite der Zugang zur Bar war. Sie öffnete die Tür weit, winkte dem Keeper und zwei Frauen zu, machte eine entschuldigende Handbewegung und sagte ciao. Oder hättest du gern einen Drink an der Bar genommen? wandte sie sich an Giovanni.

Nein, nicht unbedingt.

Es gibt einen bei mir, sagte sie und hängte sich bei ihm ein.

Ok, sagte er, obwohl er mutmasste, dass sie sich mit ihm gern gezeigt hätte. Schaut her, Leute, meine neue Eroberung.



Ihr Appartement war umwerfend elegant und kostbar. Giovanni lobte das geschmackvolle Ambiente mit der starken Ausstrahlung.

Sie nahmen in schwarzem Leder Platz, sie holte den Champagner aus der Hausbar. Veuve Cliquot.

Das ist wohl eure Lieblingsmarke, wie? Mit Bertil trankt ihr neulich auch Veuve Cliquot.

Ja, er ist gut, nicht wahr? Du trinkst doch Champagner?

Sie waren noch leicht auf Distanz. Sie fragte: darf man wissen, wer Ornella ist?

Eine alte Bekannte, ich benötige sie als Fachfrau.

In was?

Chemie, Biologie. Willst du noch mehr wissen?

Natürlich, warum nicht. Bist du mit ihr liiert?

Nein, nicht liiert, mehr ein lockeres Verhältnis.

Anita bohrte: aber ihr habt ein Verhältnis, oder?

Zwischen uns wird sich nichts ändern, Anita. Ornella ist Wissenschaftlerin und keine Sexologin, verstehst du?

Als ich dich zum ersten Mal im Maxx sah, dachte ich, du seiest vom Film, oder ein Modezar, ich träumte nachts von einer Karriere als Model oder etwas Ähnlichem. Ich würde mich als Mannequin auch gut eignen, nicht?

Doch, doch, sagte er, ich werde bei Gelegenheit mal ein Wort für dich einlegen.

Das wäre nett, es hat aber keine Eile. Ich hoffe, unsere Verbindung dauert etwas länger. Bertil erzählte, du bist so etwas wie ein Big Boss, stimmt das?

In etwa ja.

Erzähl mir mehr von dir.

Bertil hat von mir erzählt. Erzählst du mir von Dir.

Da gibt es nicht viel zu erzählen. Mit 14 von zu Hause durchgebrannt, etwas getingelt, Nachtbars und so, Tänzerin in Las Vegas für kurze Zeit, Deskdancer, aber das gefiel mir nicht auf Dauer, die Amis in Las Vegas sind so was von primitiv, das ging auf den Geist.

Wo in Las Vegas?

Kennst du bestimmt nicht. Der Schuppen hiess Arcadia. Warst du schon mal in Las Vegas?

Ja, vor 2 Jahren, ich habe mir alles angesehen, Cäsars Palace, Siegfried und Roy, weisst du, die mit den weissen Tigern. Ich hatte nach drei Nächten die Nase auch voll und bin mit einer Harley Davidson durchs Death Valley gefahren, Sobierski Point, wo die armen Säcke sich früher totgeschuftet haben für ein Paar Nuggets oder nichts, der Goldrausch ging ganz schnell in Ernüchterung über.

Und dann bin ich bis ganz nach unten gefahren, wo auf einmal alles bewässert und grün ist, Golfplatz und ein Areal für Nudisten.. Ich bin zu den Nudisten gegangen und habe mich da eine Weile aufgehalten, das war echt chic.

Hattest du eine Frau?

Mehrere, eine besser als die andere.

Wie hast du das durchgehalten bei der Hitze im Death Valley? Ich kann mir denken, dass sie dich ganz schön ausgepumpt haben.

Natürlich, haben sie.

Wieviel mal schaffst du?

Ich bin mit mir zufrieden.

Dann hattest du die Frauen bald alle durch?

So ziemlich, es hat mir Spass gemacht. Aber dann geriet ich an eine wunderschöne Asiatin, die mir etwas ganz Anderes beigebracht hat.

Du machst mich neugierig, erzähl.

Die asiatische Variante.

Und wie ist die?

Es geht alles ganz langsam, Küssen, Petting, Streicheln, Kuni und Feli. Man sitzt mit gespreizten Beinen voreinander, und dann nimmt sie meinen kleinen Freund in die Hand und streichelt ihn, bis er gross ist, und dann führt sie ihn sich ein, ganz, ganz langsam, und bewegt sich dabei wie eine Katze. Du fühlst nur die Wärme, die feuchte Weichheit, und du streichelst ihre Brüste, wunderschöne kleine, feste Brüste hatte die, und der kleine grosse Mann da unten hat sich noch nie so wohlgefühlt.

Hat ihr das auch Spass gemacht?

Es hat ihr Spass gemacht, dass es mir Spass gemacht hatte, und ich glaube, ihr selbst auch. Sie sagte, sie habe das vorher mit einem Mann aus dem Westen noch nie gemacht Die sind immer so ungestüm, sagte sie, die wissen nicht, was schön ist.

Und das hast du mir bisher vorenthalten, schäm dich.

Das kann man nur machen, wenn man sehr vertraut miteinander ist.

Sind wir das?

Ich denke schon. Während er erzählte, strich sie über die Seide ihrer Hose über ihrer Scham. Ich bin feucht, kommst du?

Sie entkleideten sich und legten sich aufs französische Bett. Machen wir es asiatisch?

Natürlich.

Sie küssten sich, betasteten sich, die Fingerspitzen fuhren über die Körper, sie hat schöne Brüste.

Dann setzten sie sich voreinander mit gespreizten Beinen, und sie machte es asiatisch. Die kleinen katzenartigen Bewegungen, es kam ihm vor wie damals im Death Valley.

Du, das ist phantastisch, sagte sie, du kannst stundenlang in mir bleiben. Ich bin erregt, weißt du, nicht so stürmisch, sondern ruhiger, intensiv und nicht so explosiv. O, das ist wunderbar.

Sie hielten es lange aus. Die langsamen Bewegungen, und er geriet immer wieder an den Punkt, wo sie stöhnte.

O, Darling, das ist zum Verrücktwerden. Bitte durchhalten, mach du es jetzt, während sie sich zurücklehnte. Das ist gut. Sie hatte die Augen geschlossen und lächelte. Darling, ich werde noch wahnsinnig.

Sie atmete keuchend, stossweise, ab und zu ein kleiner Schrei, und als sie dann kamen, kamen sie zusammen mit einem langen, nicht enden wollenden Stöhnen.

Nachher, als sie geduscht hatten und sich wieder aufs Bett legten und Champagner tranken, sagte Anita, weißt du, und das darfst du mir glauben, so was habe ich noch nie mit einem Mann erlebt. Du bist einfach wunderbar.. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Darf ich das sagen?

Doch, das darfst du.

Liebst du mich auch? Liebe ist ein so missbrauchtes Wort, dass man es kaum in den Mund nehmen mag. Ist meine derzeitige Tätigkeit vielleicht ein Hinderungsgrund für dich, mich wirklich zu lieben, wobei ich unter Liebe nicht nur die Sexualität allein verstehe, sondern das harmonische Miteinander. Bin ich stigmatisiert? Doch, doch, sag nichts, ich bin es. Weißt du, die Verhältnisse. Mir passt längst nicht alles hier. Wenn du wüsstest, was ich alles tun muss. Mich zwingt kein Mann, mich zwingt eine Frau. Ich hasse sie, ich könnte ihr den Hals umdrehen.

Ach, komm, es wird nicht so schlimm sein. Du bist eine Frau wie andere Frauen, ich glaube an dich, und ich denke, du kommst hier bald heraus. Ich helfe dir, wenn du es willst.. Weißt du, ich habe vor mancher sogenannten Hure mehr Respekt als vor der sogenannten ehrbaren Frau. Denk an Sartre und seine "ehrbare Dirne".

Und du meinst, dass das Stigma eines Tages getilgt werden könnte?

Doch, das meine ich.

Danke, danke für die wohltuenden Worte. Sie versuchte vergeblich, ihre Tränen zu unterdrücken.

 

5

Die BSE- und die MKS-Krise in Europa waren zur Unzeit gekommen, oder, wie einige meinten, zur rechten Zeit. In diesem Punkt wird mit Ornella zu diskutieren sein. Zu Hause wollte man nicht auf sie hören, als die Gefahr noch nicht akut war, aber, wie sie prophezeit hatte, würde sie kommen. Immerhin gilt sie als anerkannte Expertin, eine unbequeme Mahnerin, und sie wurde auch prompt kaltgestellt. Ihr vorausschauendes Impfprogramm war wohldurchdacht, ein zwar kostspieliges, aber effektives Programm, und verglichen mit den Kosten bei Erkrankung, Keulung und Beseitigung der Kadaver, eigentlich billig. Aber, alles, was Geld kostet, wird argwöhnisch beäugt, langatmig debattiert und meist falsch interpretiert.

Bei einigen ging es auch darum, Zeit zu gewinnen. Und politisches Profil, Politik ist das Geschäft mit der Macht und mit Geld.

Ganze Herden zu impfen sei zu teuer, hatte ein Schwachkopf befunden. Also wurde nicht geimpft oder nur "unter Umständen". Bei manchen ist die Seuche bereits in den Ställen und bei anderen vor der Stalltür. Die fachfremde Ministerin will "von Fall zu Fall" über ein Impfnotprogramm entscheiden. Dabei verstreicht Zeit, für den einen zu schnell, für den anderen zu langsam. Die Händler sahen es als kaufmännisches Problem, ein zu grosser Tierbestand drückt auf die Preise. Also keulen und vernichten, schon bei den ersten Anzeichen der Krankheit, um importieren zu können zu erhöhten Preisen.

Die Cosa, die Cam und die Mogilevich, nicht ohne diskrete Kontakte untereinander, stehen schon Gewehr bei Fuss. Wenn die Seuche nicht von selbst kommt, wird nachgeholfen. Das hatte Bertil mit aller Vorsicht andeuten wollen.

Auch andere sind involviert in die Perversität, Agrarier, die Pharmabranche, die das Penicillin ins Futter mischt, was letztlich zu ihrer Unwirksamkeit beiträgt, weil die Mikroben mit der Zeit resistent werden. Auch Handel und Politik sind nicht ohne Sünde.. Möglichst schnell möglichst viel Fleisch zu produzieren wie eine leblose Ware, das ist mit einer gesunden Ethik nicht zu vereinbaren. Penicillin und Kraftfutter, so etwas Widernatürliches, Ornellas leidenschaftlich und über Jahre gepredigte These, die ungehört blieb, weil sie niemand hören wollte. Ornella war lästig geworden.

Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen zu manipulieren, biologische Anschläge zu machen. Man bedient sich aus den vorhandenen Arsenalen. Die Wege aus den Labors zu den Ställen sind unkompliziert, manchmal wundert man sich, dass nicht noch mehr und nicht schon früher passierte. Die Geldquellen sprudeln, man hat nicht nur den einen Bin Laden, man hat viele Bins.

Heute redet man von MKS, morgen von Milzbrand, übermorgen von Nervengiften und dann von atomaren Anschlägen. Geld ist vorhanden, Technik und Logistik auch, es bedarf nur des richtigen Zeitpunkts.

Die europäischen Krisenstäbe haben das längst durchgespielt, die Politiker verdrängen aus populistischen Gründen. Man spielt die Gefahr herunter. Aber, man stelle sich einmal vor: Die Bevölkerung einer Grossstadt, sagen wir London, kann mit einem Schlag dezimiert werden, und zwar bei einem minimalen Risiko für den Attentäter, das weiss man. Aber Behörden sind träge und taub, Politiker Populisten, sie scheuen negative Schlagzeilen wie der Teufel das Weihwasser. Vernünftige und praktikable Vorschläge, rechtzeitig in Vorsorge umgesetzt, werden abgewürgt, manchmal hilft ein gut gefüllter Koffer.

 

6



Giovanni Arese ist klar geworden, dass sich mit Ornellas Ankunft etwas ändern wird. Anita und sie, Ornella ist anders, nüchterner. Vielleicht geht das Doppelleben gut, es sollte eigentlich gutgehen. Aber er muss vorsichtig sein, Ornella sollte nicht unbedingt Verdacht schöpfen, es würde möglicherweise Komplikationen geben, die Giovanni nicht gebrauchen kann. Ornella sollte möglichst unsichtbar bleiben. Überall gibt es Augen und Ohren, und man wird sich für ihn und die neue Frau und die andere interessieren. .

Gianfranco ist ein neugieriger Mann, er besonders, und er hat eine Menge Späher. Ein anderer ist Bertil Franco, der sich auch in seine Angelegenheiten einmischen will. Bertil hat offenbar Order, mit Giovanni Kontakte zu knüpfen.

Ornella ist ihm wichtig wegen der gemeinsamen Arbeit. Anita ist ihm menschlich wichtig, irgendwann, schon bald, beendet sie ihre Arbeit als Prostituierte, er fühlt es, dass sie sich von ihr lossagen wird.

Die Maschine landete pünktlich, Giovanni holte Ornella am Airport ab und fuhr sie in seine Wohnung.

Fabelhaft, sagte sie beim Eintreten, sehr geschmackvoll, ich gratuliere, und ich denke, mich hier wohl fühlen zu können.

Danke, sagte er ihr mit einem Begrüssungskuss auf die Lippen. Hier werden wir wohnen, ich hoffe, du lebst dich gut ein.

Warum nicht, sie gefällt mir.

Allerdings ist es vorerst ein Provisorium und du wirst dich nicht so frei bewegen können wie bisher. Ich denke aber, dass sich das bald ändern wird. Es gibt Späher und Neider, Leute, die Carlo alles berichten, und Carlo ist mit Vorsicht zu geniessen. Er wartet auf einen Fehler. Dazu sollte es nicht kommen. Nous verrons, ma chere.

Sie lächelte ihn an und schlang die Arme um ihn. Ist schon gut so, sagte sie, du wirst es schon richten, und ich werde mich unsichtbar machen.

Carlo hätte nichts gegen eine Geliebte für Giovanni, aber sehr wohl etwas gegen Ornella. Sie ist in seinen Augen suspekt, eine unbequeme Querdenkerin und Querulantin, persona non grata, die sich in Messina unbeliebt gemacht hat und in seinen Augen eine Gefahr für Giovanni ist. Möglicherweise hat Carlo von ihrem Flug zu Giovanni erfahren, das wird sich herausstellen.

Bis dahin werden sie das Haus nicht zu Fuss verlassen, sondern aus der Tiefgarage fahren, Gott sei Dank hat Giovannis Wagen getönte Scheiben, sie werden in andere Städte des Reviers fahren, Essen, Düsseldorf, ins Theater und Bummeln gehen, Shopping machen, in ein Café, eine Bar gehen, die Flaneure auf der Kö in Düsseldorf an sich vorbeiziehen lassen, sich in Lässigkeit üben, über sich und andere, das Leben, nachdenken. Das neue Leben mit ihr wird auch neue Impulse geben, Ideen zu bekommen, aus der Banalität die Assoziationen ableiten, aus denen die grossen Gedanken kommen. Das ist seine und Ornellas Welt. Anitas Welt ist eine ganz andere, nicht vergleichbar. Er wird sie weiterhin besuchen, sooft sich die Gelegenheit bietet.

Offiziell bist du nicht hier, sagte er zu Ornella, Carlo darf es nicht erfahren, sofern er nicht schon informiert ist.

Sie nickte. Ich habe nichts anderes erwartet. Oder soll ich woanders wohnen?

Ja, vielleicht. Ich werde mich bei Guilhelmo kundig machen, inwieweit Carlo informiert ist.

Später, abends, fast Nacht und beim letzten Glas Wein, sagte er: Weißt du, wir sollten es endlich tun.

Was?

Was wir schon immer wollten.

Wollten wir es schon immer?, fragte sie kokettierend.

Ich denke schon. Mit einem charmanten Lächeln überspielte er sein schlechtes Gewissen.

Sie tranken die Gläser leer und zogen sich aus, ohne Vorrede, ohne Erklärung, wie selbstverständlich.

7

 

Giovanni ging von Zeit zu Zeit ins Uno. Gianfranco bemühte sich um ihn persönlich, nicht ohne Absicht, er wird sich bei seinen Gewährsmännern kundig gemacht haben, was Giovanni tut, wohin er geht, wann er geht. Er will unbedingt so viel wie möglich erfahren, Dinge, die er nicht weiss oder noch nicht weiss. Es müsste ein Schwachpunkt bei ihm aufzudecken sein, den er für sich nutzen und ausspielen kann..

Und so entwickelte sich zwischen Giovanni und Gianfranco so etwas wie ein belauerndes Misstrauen unter der Maske der Jovialität.

Ornella Mughi wurde mit keiner Silbe erwähnt.

Giovanni dachte an die Nachbarn, die beauftragten Späher. Ein Gerücht macht schnell die Runde. Grund genug, Ornella zu verbergen.

Als Giovanni dann endlich sicher sein konnte, dass Ornellas Aufenthalt nicht länger zu verheimlichen sein würde, entschloss er sich, sie im Hotel ASPIK unterzubringen, ausgerechnet da. Er hatte es mit der Inhaberin Adele Schmidt abgesprochen, auch mit Anita, die sehr erfreut über die Lösung war; sie würde ihn stets in der Nähe wissen.

Ein Schachzug von Giovanni, auf den niemand kam. Bertil Franco muss es nicht wissen und Gianfranco auch nicht. Anita ist keine Gefahr, auch kein Risiko.. Die Schmidt, eine lebenskluge Frau, war es zufrieden wegen der regelmässigen Mieteinnahme für das Appartement, im übrigen bleibt Ornella strikt zurückgezogen, wird das Haus nur in Begleitung Giovannis und im Wagen verlassen.

Sie machten eine merkwürdige Entdeckung: von Ornellas Appartement aus konnte man alle Zimmer, die Sauna, den Swimmingpool und die Bar beobachten über installierte Kameras mit Mikrophonen. Giovanni und Ornella wunderten sich, dass sie ausgerechnet dieses Appartement bekommen hat. Was mag Adele damit bezwecken? Sollen sie zu Vertrauten gemacht werden? Will sie Gianfranco unter Kontrolle haben, weiss sie um die geheime Rivalität zwischen den Männern? Und Adele weiss um die Identitäten von Ornella und Giovanni.

Übrigens, sagte Giovanni, Ornella ist ab jetzt nicht Ornella, sondern Doris. Ist das ok?

Natürlich ist das ok, warum nicht? Geht mich nichts an, das ist euer Problem, sagte Adele.

Noch was: es wäre mir sehr recht, wenn ihr gelegentlich einen Blick durchwerfen würdet, sagte Adele augenzwinkernd. Früher benutzte ich die Anlage selber, aus Sicherheitsgründen, versteht ihr? Mit der Zeit ist das dann eingeschlafen, weil nichts passierte. Aber, wie gesagt, ihr dürft ruhig einmal durchschauen, ihr seid keine Twens mehr und keine Voyeure. Wenn euch etwas Ungewöhnliches auffällt, wäre es gut, wenn ihr mich informiertet.

Ja, weißt du, das ist schon merkwürdig, sagte Giovanni zu Ornella, als Adele weg war. Warum will sie ihre Gäste bei Liebesspielen beobachten? Und warum wir nun?

Ich halte dass nicht für so aussergewöhnlich, sagte Ornella.

Das verstehe ich auch, aber nicht, warum sie ausgerechnet Dir, das heisst, uns, gerade dieses Appartement gegeben hat, das gibt mir zu denken. Ich glaube nicht an Zufälle oder blauäugige Unbedarftheit bei Adele, ich glaube vielmehr, dass sie damit einen Zweck verfolgt.

Und welchen?

ZB Gianfranco, einen Blick auf ihn zu haben, oder auf jemanden aus seiner Umgebung. Wenn ich es mir richtig überlege, komme ich zu dem Schluss, dass ich Gianfranco und Co. überwachen soll. Denk nur: eine Kamera plus Mikro plus Bandaufzeichnung für jeden Raum, das ist ein Riesenaufwand. Hat das Adele alles aus eigener Tasche bezahlt oder wer hat sie unterstützt? Ich will es dir sagen: Carlo hat sie finanziert, hat die Anlage gewollt, seit er wusste, dass sich Gianfranco oft im ASPIK aufhält, ich möchte fast sagen, Hof hält.

Du meinst, er misstraut ihm?

Er misstraut jedem, mir, Dir, allen.

Dieses Appartement für dich ist kein Zufall.

Ja, so wird es wohl sein, sagte sie.

Giovanni war jetzt manches klar. Dass er Anita im Maxx kennengelernt hatte, war kein Zufall, dass er sie, als er Bertil sprach, wiedersah, war auch keiner. Mal sehen, ob Anitas Zimmer zu beobachten ist. Er probierte alles durch, die Bar, den Pool, die Zimmer der Clubdamen, nur keine Anita, nicht ihr Appartement, das er kennt und wiedererkennen würde. Aha. Das ist auch kein Zufall.

Giovanni kam immer über den Hintereingang, sein Wagen stand neben Adeles.

Er lebte meist bei Ornella, er verliess sie gelegentlich für Anita, was nicht auffiel, es sei denn, Ornella hätte sich die Mühe gemacht, nach seinem Wagen zu sehen. Sie tat es nicht, weil sie keinen Verdacht schöpfte und nicht eifersüchtig war, weil sie sich nicht die Mühe machte, eifersüchtig zu sein.

Bertil Franco, der eines Tages kam, amüsierte sich mit Sonja. Er sagte so gut wie nichts, und sie stellte keine Fragen, die interessiert hätten. Sonja war für die Organisation eine Liebesdienerin ohne Bedeutung, dennoch wurde die Begegnung wie alle Begegnungen auf Band aufgenommen, für alle Fälle. Die meisten Gespräche waren uninteressant bis auf die eine und andere Bemerkung, hinter der sich ein Codewort verbergen konnte.

Es gab lächerliche Versprechungen, Treueschwüre, so etwas wie Beichten und andere Vertrauensseligkeiten, aber mitunter wurden die Beobachter doch fündig. Ein flüchtig hingeworfenes Wort, über das gründlich nachgedacht werden musste.

Morgens, wenn der Betrieb ruht, nahmen sie die Auswertung der Filme vor.

Eines Tages kam ein Mann zu Lolita, der sich Alfredo nannte, bei dem Giovanni aufmerksam wurde, er kannte ihn von einigen Begegnungen aus Catania und Neapel, ein eisenharter Knochen. Er kannte ihn als Kurier zwischen der Cosa und der Cam, der Lolita bevorzugte, weil "sie ihm lag", weil sie gern und viel Champagner trank und eine Liebe machte, die ihm lag, eine, wie er gern sagte, keusche Liebe ohne Professionalität, bei der er sich und die Welt vergesse. Ihr Small Talk begann allerdings oberflächlich, geradezu albern, flippig, dümmlich, aber dann, irgendwann zwischen zwei Nummern, fragte Alfredo nach Doris. Kennst du eine Doris?

Ich habe von ihr gehört, aber nie gesehen. Sie soll Hotelgast sein, was für einer, keine Ahnung. Ob sie Freier empfängt, weiss ich auch nicht. Ich habe Adele mal nach ihr gefragt, aber eine dumme Antwort bekommen. Den andern Mädchen ist es ebenso ergangen. Man erfährt nichts über die geheimnisvolle Doris.

Vielleicht steht sie für besondere Gäste bereit?

Schon möglich, aber das sind Vermutungen.

Kennst du einen Gianfranco? Den Wirt aus dem Uno?

Flüchtig, er war einmal hier und war mit Sofia zusammen.

Wer ist Sofia? Russin? Polin?

Polin. Sie kommt aus Teresa Orlowskis Schule, eine Klassefrau, das muss ich neidlos anerkennen, sagte Lolita. Aber der Gianfranco hat, wie sie mal sagte, nur einen schwachen Fick.

Und? Weiter? Wie ging das weiter? Hat er sie nach jemandem befragt und ausgehorcht?

Nein, sagte Lolita, nach der Nummer kam nichts mehr, der Mann war wohl überfordert.

Später fragte Giovanni Ornella, wie sie mit ihrem Pseudonym zurecht käme?

Du hattest die Idee, sagte sie, nicht ich.

Entschuldige, Ornella ist mir zwar lieber, aber Doris ist vielleicht taktisch klüger, klingt bodenständiger. Ich hoffe, es tangiert dich nicht.

 

8

Nach und nach kamen einige Leute aus der Organisation ins ASPIK, neben den anderen, die immer kommen. Carlo, der Sohn des Paten, und Gianni, die mit Helen und Ulla einen Vierer machten. Die Männer fragten vorsichtshalber nochmals nach Giovanni, ob der bekannt sei, nein, nicht, sagten die Mädchen, oder Doris?

Ja, Doris dem Namen nach, gesehen hat sie noch niemand von uns.

Wieso? Ist sie nur Gast oder Angestellte?

Offenbar nur Gast. Warum und wieso ist uns nicht bekannt, vielleicht steht sie der High Society zur Verfügung.

Was versteht ihr darunter?

Nichts Konkretes, mehr eine allgemeine Annahme, auch nur mehr ein Gerede.

Carlo sagte zu Ulla und Helen: Ihr solltet mal die Augen und Ohren aufsperren und rauskriegen, wer hier als Upper Ten Man gehandelt wird. Das gibt einen Tausender für jede von euch, wenn ihr was rauskriegt. Das dürfte doch nicht zu schwer sein.

Carlo, wir tun unser Möglichstes.

Wenn für Ornella die Nachtschicht beendet, die Filmapparate abgeschaltet und das Material gesichtet wurde, diskutierten sie und Giovanni darüber, die Spreu vom Weizen zu trennen. Vorläufig blieben Carlo und Gianni im Mittelpunkt des Interesses, Carlo besonders, der Sohn des Paten, der sich hier wohl die Sporen verdienen sollte. Giovanni hoffte, dass früher oder später etwas zu Tage käme, womit was anzufangen ist. Er braucht zu seinem Einstieg Informationen und Fakten, auch Codes.

Bisher war alles dummes Gelaber, sagte Ornella, ficki-ficki, waffenscheinpflichtige Küsse, das Gesabbere oben und unten, die 69er Stellung, denen Männer wie Gianfranco in der oberen Etage nicht mehr gewachsen sind, höchstens noch im Parterre. O Gott, das geht auf den Geist.

Ja, ja, natürlich, das ist zum Kotzen. Aber wir müssen recherchieren, auch und gerade hier. Ich mach’s ja auch nur widerwillig. Ich denke, dass die Anlage in deinem Appartement nicht zufällig installiert ist.

Nein, wir sprachen darüber.

Dazu gehört auch, ihnen die Zungen zu lösen?

Genau. Und das werde ich.

Er besorgte sich ein paar präparierte Flaschen und stellte sie Adele zur Verfügung. Sie tragen am Boden einen kleinen roten Punkt, sagte er ihr. Bitte keine Verwechslung. Das sind die, die ich zu besonderen Gelegenheiten brauche, zB. bei Carlo und Gianni.

Adele verstand. Aber bitte keine Schweinerei, keine Toten und so.

Natürlich, es wird keinen Todesfall geben, ich will sie nur zum Reden bringen.

Ok, sagte Adele, du kannst machen was du willst, wenn nichts passiert.

.

Nach 2 Tagen war das Quartett wieder zusammen und begann sein Spiel. Es dauerte nicht lange, bis der präparierte Champagner seine Wirkung tat Die vier wurden redselig.

Sagt mal Mädels, sagte Gianni aufgekratzt, habt ihr nun endlich was über Giovanni herausbekommen? Wo ist er überhaupt immer? Seht ihr ihn mal? Wir möchten ihm mal auf den Zahn fühlen. Wir wollen etwas mehr über ihn wissen, zB. wie er seine Tage und Nächte verbringt, mit wem, vielleicht mit Doris, wann er kommt, wie lange er bleibt, und so weiter. Wir vermuten, dass Doris ein Deckname ist.

Giovanni ist nur selten in seiner Wohnung, das wissen wir. Wo aber ist er in der andern Zeit?, das sollt ihr rauskriegen. Gehen sie zusammen aus? Wie gesagt, haltet mal die Augen auf, es lohnt sich für euch. Und noch was: haltet auch mal die Alte im Auge, die scheint irgendwie mehr zu wissen. Was weiss sie?. Mit wem hat sie engen Kontakt? Sagt sie mal was zu euch? Hat Giovanni sie vielleicht bezahlt? Für wichtige Informationen zahlen wir extra.

Sie ist also wichtig für euch?

Ach Liebling, jeder kann wichtig werden, ihr auch. Ihr seid so etwas wie Beichtmütter. Ihr hört mal hier was, mal dort was, sagt es uns, was ihr gehört habt. Es geht um Giovanni, Doris und Adele, habt ihr kapiert?

Wir mögen vielleicht etwas naiv sein, dumm aber nicht. So, jetzt bitte Schluss mit dem Verhör, kommen wir zur Sache.

Giovanni schob einen kleinen Riegel neben dem Objektiv leicht zur Seite, präparierte den Stylo und zielte auf Carlo. Nach kurzer Zeit lag er wie leblos am Boden.

Gianni und die Mädels sprangen auf und rannten hinaus, holten Adele, die sich Carlo stirnrunzelnd ansah und nach einem Arzt rief. Als der kam, bewegte sich Carlo schon wieder. Der Arzt untersuchte ihn, konnte aber nichts finden. Er fragte Carlo, wie das denn mit der Ohnmacht gekommen sei. Carlo erinnerte sich an nichts.

Ornella fragte: warum tust du das?

Um Verwirrung zu stiften, sagte Giovanni

.9

Eines Tages fand man Adele tot im Swimmingpool. Sie trieb auf dem Wasser und sah blau-lila verquollen aus. Ornella hatte das nicht live mitbekommen, sie entdeckte den Mord auf dem Monitor beim routinemässigen Vor- und Rückspulen des Films. Sie sah, wie der Mörder der Kamera den Rücken zudrehte und die Frau unter Wasser drückte.

Sie rief Giovanni, der sich den Film von Beginn an genauer ansah, ganz zurückspulte, ihn normal und mal in Zeitlupe ablaufen liess.

Es begann ganz harmlos: Gianfranco und Adele im Wasser vergnüglich miteinander spielend und unter Wasser kopulierend. Dann setzte der Film für Momente aus, schwarz-weisses Flimmern auf dem Zelluloid, dann war er wieder da, die beiden Akteure jetzt auf Distanz.

Danach sahen sie hinter dem Vorhang jenseits des Beckenrandes einen Körperschatten und zwei entblösste Frauenarme, die Gianfranco, der jetzt mit dem Rücken zur Kamera stand, Zeichen gaben, die Hände zu Fäusten geballt und Daumen nach unten weisend. Gianfranco reagierte daraufhin, drückte Adeles Kopf unter Wasser und hielt ihn da so lange, bis die Konvulsionen aufhörten.

Der Film hatte alle Einzelheiten festgehalten. Der Mann, als er sah, dass Adele tot war, lief aus dem Wasser, den Rücken immer noch der Kamera zugewandt, liess die Tote zurück, drehte sich nicht mehr um und verschwand hinter einer Tür.

Giovanni spulte zurück, sah sich die Arme der Frau hinter dem Vorhang noch einmal genauer und in Vergrösserung an, hielt den Film an. Am linken Handgelenk sah er die Tätowierung, die ihm bekannt vorkam und auch den Ring am 4. Finger, der ihm auch bekannt vorkam.

Kennst du die Frau?

Nein, sagte er.

Am nächsten Tag, als die Mädchen in den Club kamen, entstand eine grosse Aufregung, als man Adele gefunden hatte. Die Belegschaft versammelte sich am Swimmingpool, die Mädchen waren erregt, einige schrien hysterisch, jemand telefonierte nach der Polizei.

Gerüchte schwirrten durchs Haus, Vermutungen und Unterstellungen wurden laut .Der Kommissar und sein Assistent, die bald kamen, stellten allerhand Fragen, mussten mehrmals um Ruhe bitten, das Stimmengewirr, mehrfach durch weinendes Kreischen unterbrochen, wollte nicht aufhören. Schliesslich schickte er alle hinaus und rief sie einzelnen wegen ein paar Fragen wieder herein. Giovanni und Ornella hielten alles auf dem Film fest.

Der Vorfall war dokumentiert, die Situation eindeutig. Gianfranco mit Adele beim Liebesspiel im Wasser, dann der kurze Blackout des Films, dann der Mann, den die Kamera von hinten zeigte, während er die Frau ertränkte. Aber nach dem Körperbau, dem Hinterkopf und den Haaren nach zu urteilen, konnte es nur Gianfranco sein.

Die Frau im Hintergrund, die mit der Armtätowierung, war für Ornella ein Rätsel, nicht aber für Giovanni. Anita muss unter Adele sehr gelitten haben, anders ist das hier nicht zu erklären. Giovanni schwieg.



Sie nahmen den Film an sich und verliessen das Haus durch die Hintertür, fuhren in Giovannis Wohnung.

Im Laufe des Tages gehen wir noch einmal ins ASPIK, sagte er ihr, nehmen alles Wichtige mit. Sollte uns jemand fragen, was unwahrscheinlich ist, wir wissen von nichts, Ornella, Pardon Doris..

Das ist mir unheimlich, sagte sie.

Es muss dir nicht unheimlich sein, sagte er, dir passiert nichts. Höchstens ein paar Fragen von der Polizei. Du warst allein, hast nichts gehört und gesehen, und du hast den Filmapparat nicht bedient

Wir sollten den Film der Polizei übergeben, sagte Ornella unruhig.

Das ist noch zu früh. Ich will zuerst wissen, was dahinter steckt, wer die Frau ist, die das Zeichen zum Ermorden gab und so weiter. Ich vermute ein Komplott, das mich zumindest interessiert. Da ist einiges zu klären, bevor die Polizei den Fall in die Hände bekommt.

Giovanni rief Gianfranco im Uno an. Hallo, hallo, sagte er so leicht und locker wie möglich. Ich wollte dich nur informieren, dass ich ein paar Tage weg bin, falls du mich anrufst.

Was Wichtiges?, fragte Gianfranco.

Nein, nur Routine, Brüssel und Münsterland..

Aha. Na ja. Dann wünsche ich dir viel Erfolg.

 

Ornella, hör gut zu, sagte Giovanni. Du gehst zurück ins Hotel und bleibst in deinem Appartement. Ich komme so schnell wie möglich zu dir, muss vorher was erledigen. Habe keine Angst, es passiert dir nichts.

Er fuhr ins Steigenberger Maxx und traf Direktor Merz. Sie tranken ein Bier und redeten ein paar Worte miteinander. Giovanni wollte nur, dass der Mann ihn gesehen habe und sich ggf. daran erinnern sollte. Dann fuhr er ins ASPIK und ging zu Anita.

Hallo Liebling.

Ach Giovanni, hast du mich aber überrascht, ich dachte, du kommst später.

Hast du Zeit für mich?

Natürlich. Machen wir es wieder asiatisch?

O ja, asiatisch, sagte er, es macht dir doch auch Spass, nicht wahr?

Und ob.

Sie spielten ihr asiatisches Spiel. Kennt es ausser uns noch jemand?

Nein, niemand, niemand ist so sensibel wie du. Die meisten wollen immer sofort wie die Stiere, rein raus rein raus, das ist mir im Grunde auch lieber, wenn es schnell zu Ende ist, ohne Liebe hält man das andere nicht aus.

Empfindest du mit mir Liebe?

Giovanni, du stellst wirklich dumme Fragen.

Wie ist es mit Gianfranco?

Anita bekam einen leichten Anflug von Röte. Wie kommst du auf den?

Weil er gelegentlich hier verkehrt. Du hattest ihn doch sicher auch schon.

Einmal, nein, zweimal, aber es hat mir keinen Spass gemacht.

Zahlt er gut?

Sei nicht so vulgär, Giovanni, das ist nicht deine Art, so zu fragen.

Wann war er zuletzt im ASPIK?

Ich glaube, gestern.

Bei dir aber nicht, oder?

Ich glaube bei der Prinzipalin.

Ist die gut? Ich meine, sie ist doch eine ganze Ecke älter als ihr anderen.

Manche Männer mögen ältere Frauen.

Gianfranco auch?

Weiss ich wirklich nicht, Giovanni. Ich weiss nicht, welcher Freier wen bevorzugt und bei wem ist. Wir kontrollieren uns nicht gegenseitig.

Ich habe gehört, dass gestern irgendein Unglück passiert sein soll.

Ja, ich auch, das ist aber wahrscheinlich nur Geschwätz.

Dann bin ich ja beruhigt, wenn es kein Mord war.

Mord? Lächerlich. Hier passiert kein Mord. Wenn einer geschehen wäre, wäre das Lokal geschlossen worden.

Da hast du natürlich Recht.

Sie bewegte sich nicht mehr so katzenhaft wie früher, sondern war nicht bei der Sache.

Giovanni betrachtete ihren linken Arm und verweilte bei dem Tatoo. Hübsch gemacht, das. stellt wohl einen Drachen dar?

Ja, eine chinesische Arbeit, hat mir mal ein Freier gemacht.

Ein Chinese?

Nein, kein Chinese, ein Italiener, ein China-Fan. Ist aber doch sehr hübsch, nicht wahr?

Sehr hübsch. Hat ihn schon mal jemand bemerkt?

Ich glaube nicht.

Ich habe ihn bemerkt, sagte Giovanni, zweimal, heute zum dritten Mal, er hat mich.

an die asiatische Liebe im Death Valley erinnert.

Wieso sagtest du dreimal? Ich kann doch noch zählen.

Sag mal, Anita, du bist heute nicht bei der Sache.

Bin ich das nicht? Ich hätte gedacht, ich bin bei der Sache.

Nein, bist du nicht. Was ist los?

Ich weiss nicht, was du meinst.

Anita, bitte, heute klappt es nicht, hören wir auf.

Wenn du meinst.

Sie duschten und zogen sich an. Ich komme morgen oder übermorgen wieder, ist das recht?

Natürlich, warum nicht? Ich freue mich immer auf dich.

Als er ging, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn. Er löste sie, nahm ihre Hände in seine und betrachtete den Drachen. Wirklich, ein hübsches Tatoo.

2 Tage später, als er bei Gianfranco in der Kneipe war, sagte der: Wo du warst, kannst oder willst du mir vermutlich nicht sagen.

Doch, doch, ich war zuerst in Brüssel und dann im Münsterland. Einpaar Bauernhöfe angesehen.

Und wozu das?

Es kann nicht schaden, lieber Freund, wenn man die Lokalitäten kennt.

Und warum willst du sie kennen?

Für alle Fälle.

Was hast du vor? Und warum erzählst du mir vom Münsterland?

Ach, eigentlich ohne Grund, es war eine Inspektionsfahrt.

Meinst du das vielleicht im Zusammenhang mit der Seuche?

Auch, aber nicht ausschliesslich. Ich wollte mir auch den Hof ansehen, von dem Adele Schmidt stammt.

Gianfranco verlor für einen Moment die Fassung, wurde bleich. Ganz kurz nur, aber lang genug für Giovanni, es zu bemerken. Schade, die Ärmste ist ja nun tot.

Was sagst du? Tot?

Ich sagte tot.

Gianfranco schüttelte ungläubig den Kopf, was erzählst du da.

Ich sagte nur, sie ist tot, das war alles.

Und deshalb wolltest du den Hof sehen?

Natürlich nicht, ich wollte etwas ganz anderes.

Darf ich fragen, was?

Ja, du darfst. Kennst du Anita? Die mit dem Tatoo auf dem linken Handgelenk.

Anita? Tatoo? Moment, wovon redest du?.

Na ja, hätte ja sein können. Nichts für ungut, Gianfranco.

.

Willst du ihn nicht doch der Polizei melden?, fragte Ornella später, als Giovanni zurück war. Es müssen doch klare Verhältnisse geschaffen werden. Ich mache mir grosse Sorgen.

Nein, nicht jetzt, noch nicht, verstehst du.

Er wird seine Leute auf dich ansetzen und dich und mich unschädlich machen. Auf einen Mord mehr oder weniger kommt es ihm jetzt nicht mehr an.

Natürlich ist mir das klar, aber zuerst müsste er uns finden. Wir fahren ein paar Tage aufs Land.

Er wird Fotos von uns an die Killer verteilen und nach uns suchen lassen.

Sie werden uns nicht finden.

Bist du da sicher?

Absolut.

10

Gianfranco versuchte ab jetzt, den Spiess umzudrehen. Er liess verlauten, dass Giovanni der Mörder sei und sich deshalb abgesetzt habe. Er verteilte ein paar Fotos an ausgesuchte Leute, schickte auch eins an Interpol, und es wurde eine landes- und europaweite Fahndung eingeleitet.

Giovanni und Ornella wechselten ein paarmal das Hotel, und als die ersten Fahndungsfotos in den Zeitungen und im TV erschienen, verkrochen sie sich in einer Ferienwohnung eines Bauernhauses. Die Inhaber waren alte Leute und lebten zurückgezogen, lasen keine Zeitung und hatten kein TV. Und es gab auch keine anderen Gäste und so gut wie keine Kontakte zu den Nachbarn.

Sie benutzten einen alten Deux Chevaux, den ein Gast als Pfand zurückgelassen und nicht wieder eingelöst hatte. Sie mimten auf Künstler mit Bart und Perücke aus einer Theaterrequisitenkammer.

.

Über seinen Freund Guilhelmo von der Cam, dem Giovanni den wahren Sachverhalt und den Grund zu der Komödie schilderte, - Guilhelmo unterhielt enge Kontakte zu Interpol -, waren sie jederzeit im Bilde, wo gefahndet wurde, und konnten sich immer rechtzeitig darauf einstellen und untertauchen.

Warum macht ihr das? fragte Guilhelmo.

Gianfranco soll sich in Sicherheit wiegen.

Bart und Perücken trugen sie draussen, wenn sie mit dem Deux Cheveaux das Haus verliessen. Sie waren total verändert, nicht wiederzuerkennen. Sie bewegten sich entsprechend frei, aber manche Leute auf der Strasse drehten sich gelegentlich nach ihnen um, sie waren echte Paradiesvögel. In den Kneipen der Boheme dagegen waren sie goldrichtig.

Aber Ornella konnte ihre Nervosität nicht ablegen. Sie machte ihm Vorwürfe. Warum tun wir das eigentlich? Wir könnten zur Polizei gehen, den Film vorführen...

Schatz, nein, das ist noch zu früh. Gianfranco muss sich sicher fühlen, er wird über kurz oder lang seine terroristischen Aktionen starten, darauf warte ich. Ich möchte ihn in die Falle laufen lassen, wenn es so weit ist. Er ist nicht der kleine, unbedeutende Wirt des Uno, sondern ein ganz wichtiger Mann mit vielen Verbindungen. Er hat vor, die BSE- und MKS-Krise zu manipulieren, um durch eine Flächenepidemie Chaos auszulösen. .Du weißt, was alles damit zusammenhängt. Die Massentötung von Tieren, um so den Fleischimport aus den USA zu organisieren und an ihm zu verdienen. Ein riesiges Geschäft, sag ich dir, wenn es dazu kommen sollte. Es wird aber nicht dazu kommen, dafür sorge ich. Ich habe Guilhelmo, der mich auf dem laufenden hält.

Benito soll Gianfranco das verseuchte Material beschaffen, das er von Hof zu Hof fahren und ausstreuen will. Aber ich werde rechtzeitig zur Stelle sein und es verhindern.

Und wenn das nicht funktioniert? Ich denke, dass er Helfer hat, die dir gefährlich werden können..

Beruhige dich, ich werde es nicht dazu kommen lassen. Schau mal, er benötigt den MKS- Erreger, vielleicht auch noch prionenbehaftetes Fleischmehl. Ich werde das Material vertauschen, es ist alles mit Guilhelmo verabredet. Stell dir das dumme Gesicht von Gianfranco vor, wenn die Epidemie nicht ausbricht.

Und was hat das mit der ertränkten Frau im Swimmingpool zu tun?

Sehr viel. Sie hat den Plan vermutlich ausgeheckt und sich an Gianfranco herangemacht, ihm Liebe vorgegaukelt, hat ihn, als sie sich sicher war, ins Vertrauen gezogen. Die beiden kannten sich besser, als du ahnst. Adele wollte, dass ihre Liebesspiele mit Gianfranco auf dem Film festgehalten wurden. Sie hatte nicht mit dem Tatoo rechnen können, auch nicht, dass sie Opfer werden könnte..

Aha, ich verstehe. Aber warum dann der Mord?.

Um einen lästig gewordenen Mitwisser zu beseitigen. Anita besetzt die Rolle von Adele, wenn sie tot ist. Das ist doch logisch, oder? Und jetzt, durch unser Verschwinden, fällt der Verdacht auf mich. Das passt Gianfranco ausgezeichnet ins Konzept. Er wusste alles über uns, aber nichts von den Filmkameras, die Adele bei ihm nicht erwähnt hat. Sie haben sich beide gegenseitig reingelegt.

Und Anitas Hilfe. Sie wird ihre Gründe gehabt haben.

Der Verdacht fiel auf uns, als wir verschwanden. Er konnte seelenruhig abwarten und sich in Sicherheit wiegen. Dass er beim Mord der Kamera den Rücken zudrehte, war reiner Zufall.

11

Die Maskerade. Maskieren, wenn sie rausfahren, und demaskieren, wenn sie zurückkommen. Die alten Bauersleute sind ahnungslos, sehen sie nicht. Mit den Nachbarn haben sie kaum Kontakt.

Der Deux Chevaux faucht jeden Abend seine Runde, Giovanni sucht die Strassengräben ab nach kleinen Beuteln, die er unter Grasbüscheln findet. Er tauscht sie aus gegen einen identisch aussehenden mit identisch aussehendem Inhalt, der aber steril ist. Das infektiöse Material vergräbt er.

Ein Wagen mit getönten Scheiben fährt eines Tages langsam an dem Bauernhaus vorbei, Giovanni sieht ihn zufällig, kann aber nicht erkennen, wer sich im Innern befindet.. Später kam noch ein zweiter, ebenso langsam wie der erste, und ebenso ohne erkennbare Insassen. Giovanni weiss jetzt, dass man ihn sucht. Irgendwie musste ihr Aufenthalt bekannt geworden sein, an Zufälle glaubt er nicht, er glaubt, dass er systematisch gesucht wird. Gianfranco oder Bertil oder beide suchen ihn, davon ist er überzeugt, und Interpol betreibt die Nachforschungen eher lasch, das weiss er von Guilhelmo.

Giovanni erzählte es Ornella, die noch bei der Morgentoilette war. Ich denke, wir sollten uns absetzen, sagte er, zweimal diese mysteriösen Wagen, ich kenne das, das Ausspähen. Sie kommen mir verdächtig vor.

Wir sollten die Polizei verständigen, sagte sie.

Ja, wäre an sich vernünftig, passt mir aber immer noch nicht ins Konzept, du weißt, warum.

Willst du immer noch dieses va banque-Spiel?

Nein, aber der Mann geht mir durch die Lappen, wenn er eingebuchtet wird, man kann ihm dann das hier nicht nachweisen. Ich will ihn auf frischer Tat ertappen, ihn bei der Organisation hochgehen lassen wegen Unfähigkeit und Dummheit, das ist mir wichtiger. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir der Zusammenhang immer klarer: Die Absprache mit Adele, dann, um sie loszuwerden, mit Anita, die Fäden für den Fleischimport aus Argentinien werden schon gesponnen sein, das läuft über Bertil, der ihnen ein Riesengeschäft mit Beteiligung versprochen hat.

Dazu kommt wahrscheinlich, sollte Gianfranco unerwartet in die Bredouille geraten, dass er seinen halbdebilen Bruder Emilio in Reserve hat, der dann vorzuschieben ist. Hier findet man ihn nicht, er lebt irgendwo in den Bergen Siziliens, Gianfranco hat ihn rechtzeitig zurückgeschickt in die Wälder von Castell Umberto. Dort wird er von der Organisation gedeckt, man wird ihn nicht finden. Er selbst habe ein wasserdichtes Alibi. Nicht er habe den Mord begangen, sondern Emilio. Ja, so wird es kommen, wenn wir den Film bei der Polizei abgeben. Er belastet seinen Bruder und opfert ihn kaltblütig. Emilio ahnt nicht die Zusammenhänge, wie sollte er auch.

Und du meinst, der lässt das mit sich machen?

Ja. Er macht alles, was Gianfranco ihm befiehlt. Er ist nicht nur debil, sondern auch hörig.

Ein Emilio ist mir schon einmal untergekommen, ich erzählte es schon, sagte Ornella, Wir fuhren damals auf dem Schiff durch die Strasse von Messina. Ein Mann namens Federico ging über Bord, er wurde nie gefunden und die Sache auch nicht weiter untersucht. Aber ein Gerücht hielt sich, dass ein Mann der Cam ihn habe hops gehen lassen. Ein Verdacht machte die Runde, Gianfranco sei es gewesen, und dann hiess es wieder, das sei nicht Gianfranco gewesen, sondern sein Bruder Emilio, der ihm täuschend ähnlich sieht. Emilio, sagten andere, ist dazu nicht in der Lage und auch nicht interessiert, er kennt keine Zusammenhänge der rivalisierenden Organisationen. Wie dem auch sei, die Sache verlief im Sand.

Giovanni sagte, ich kann mir die Situation plastisch vorstellen: typisch für Gianfranco, dieses Verwirrspiel. Das, Ornella, ist der Grund, warum ich nicht will, dass wir Gianfranco der Polizei überliefern. Er würde das gleiche Verwechselspiel mit Emilio wiederholen.

Wie willst du denn weiter vorgehen?

Ich locke ihn jetzt, nachdem die Tütenaktion gelaufen ist, in eine andere Falle. Wir entwenden seinen Wagen, wenn er ausgestiegen ist. Er wird den Diebstahl Carlo melden müssen, und ich teile Carlo auf dem Umweg über Guilhelmo mit, der Wagen samt Ladung sei nicht entwendet, sondern gegen viel Geld verkauft worden. Der Käufer sei ein Belgier, der Ähnliches im Sinne habe wie Gianfranco.

Du bist ein ganz raffinierter Hund, Giovanni.

Was ist daran verwerflich? Wir tricksen uns gegenseitig aus. Für mich hat das den Vorteil, dass er mir das nicht zutraut. Carlo rückt Gianfranco auf den Pelz, zieht ihn vermutlich aus dem Verkehr, beordert ihn zurück. Dann erst, Ornella, gehen wir zur Polizei.

.

12

Zum dritten Mal kam ein mysteriöser Wagen. Diesmal hielt er vor der Hofeinfahrt, es stieg aber niemand aus.

Der alte Bauer sah argwöhnisch hinüber und stützte sich auf seinen Spaten. Trina, komm mal raus, rief er seiner Frau zu, und Trina kam und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Wat haltst du davan?

Ick weet nit, watt ick davan halen schall.

Wes du nich mal nohkieken?

Ick?, nä.

Ick ok nit, sächte Hinnerk, und beide schlurften ins Haus zurück, verschlossen die Türen und legten alle Riegel vor.

Giovanni holte die Parabellum, schraubte den Schalldämpfer auf, zielte durch eine Ritze der Holzwand auf den Vorderreifen, es gab ein leises plopp, und danach fuhr der Wagen sofort weiter.

Er wird nicht weit kommen, der Reifen hält die Luft nicht, sie werden einen Radwechsel machen müssen. Wir sollten uns das unbedingt ansehen, Ornella.

Sie kostümierten sich und bestiegen den Deux Chevaux. Ornella fuhr, Giovanni sass auf dem Beifahrersitz. Nach 2 Kilometern sahen sie den Mercedes mit den dunklen Scheiben am Strassenrand, ein junger Mann befestigte den Wagenheber, und Gianfranco schaute durch das heruntergelassene Fenster zu.

Na, bitte, sagte Giovanni im Vorbeifahren, ich wusste es. Dass er im Vorbeifahren den Stylo auf Gianfranco abgeschossen hatte, bemerkten sie alle nicht.

Ornella sagte, sie werden wiederkommen, sie wissen nun, wo wir uns aufhalten. Früher oder später kommen sie.

Und ich weiss ab sofort, wo sich Gianfranco aufhält, ob er uns besuchen will und mit wem er was bespricht.

Hast du den Stylo benutzt?

Natürlich, was denkst du denn.

Satansbraten.



Sie fuhren auf einer Parallelstrasse zurück und wieder in die Scheune, demaskierten sich und gingen ins Haus.

Dann telefonierte Giovanni mit Guilhelmo und erfuhr, dass Emilio noch in Castell Umberto lebt, von wo aus man einen Blick auf den Ätna hat, der gerade wieder Feuer spuckt.

Das war anzunehmen, sagte er Ornella.

Einen Tag später begann Gianfranco mit den Vorbereitungen. Von Hof zu Hof gehen, um das Zeug zu verstreuen, immer schön mit dem Westwind auf die Gebäude zu.

Giovanni fuhr, als Gianfranco die Aktion begonnen hatte, bis dicht an ihn heran, stieg aus und liess Ornella den Deux zurückbringen. Ich komme nach, sagte er flüsternd.

Es war nicht schwer, den Wagen zu entführen und ihn in der Scheune abzustellen. Gianfranco telefonierte zuerst mit Anita, danach beichtete er den Diebstahl dem Carlo, der ein Donnerwetter losliess. Idiota! Er telefonierte auch mit Benito. Du musst mir sofort einen neuen Wagen und neues Material schicken, der Wagen ist weg, Carlo ist informiert und wütend.

.Wer könnte das gewesen sein? Giovanni?

Nein, der nicht, der hat selbst die Hosen voll, seit er auf der Flucht ist.

Giovanni hatte das GPS in Händen und hörte mit. Ornella, sagte er, das ist ein grosser Tag. Der zweite grosse wird bald folgen.

Nach weiteren 8 Tagen telefonierte Gianfranco noch mal mit Benito. Ich weiss nicht, der Diebstahl, sehr merkwürdig, sieht nach Giovanni aus, aber der kann es nicht gewesen sein. Wer käme nach deiner Meinung noch infrage, der wusste, was in dem Wagen war?

Also, ich weiss es wirklich nicht. Ich spreche mit dem Alten und schicke dir einen neuen, per Kurier. Ich informiere dich.

Aber irgend etwas muss dazwischen gekommen sein, beharrte Gianfranco, davon lasse ich mich nicht abbringen. Von wem hast du das Material denn bekommen?

Von einem Mann namens Craig aus Chicago, der mit der dortigen Organisation zusammenarbeitet Die hat auch die Vermittlung der Fleischlieferungen in Händen, diese Leute sind also interessiert, liefern zu können.. Die erste Lieferung ist übrigens angelaufen, geht über Kanada und Norwegen und von da nach Polen. Die Sendung ist nicht mehr aufzuhalten. Übrigens ist jede Rinderhälfte mit einem gefälschten deutschen Zertifikat ausgestattet, das ist für die deutschen Behörden also ok. Bleibt nur noch, die Sendung am deutschen Zoll vorbei zu schleusen. Das sollte aber kein Problem sein, versicherte mir Craig, er habe einschlägige Erfahrungen und zuverlässige Leute, die sich mit dem Schmuggel von Zigaretten und Spirituosen auskennen. Also, wie gesagt, von unserer Seite ist alles in Ordnung.

Gianfranco sagte: ob die Amis vielleicht...ich meine den Diebstahl meines Transporters?. Er war sehr kleinlaut, man hörte es an seiner Stimme. Na ja, ich kann es nicht ändern. Du kannst für mich bei San Gennaro beten und eine Kerze anstecken.

Mache ich.

Danke, amigo, tausend Dank.

Dann telefonierte er noch mal mit Anita. Wagen geklaut, ich weiss nicht von wem, Giovanni kommt wohl nicht infrage.

Wieso nicht? fragte Anita.

Wir sind ihm auf den Fersen, und ich denke, er weiss es.

Das wäre kein Hinderungsgrund, denke ich mal. Giovanni ist gefährlich, raffiniert und intelligent. Er ist ein Schachspieler, der euch allen mindestens 3 Züge voraus ist.

Und das sagst du, ausgerechnet du?

Ich weiss, dass er mich durchschaut hat, früher oder später werde ich einen Besuch der Polizei bekommen.

Dann rate ich dir, reise nach London und lass das Tatoo wegmachen, und zwar so schnell wie möglich. Jeder Tag zählt.

Bezahlst du das?

Natürlich.

Ja, ich lasse es sofort machen.

Sieh mal an, sagte Giovanni und pfiff durch die Zähne. Ich habe das geahnt, dass Anita dick mit drin sitzt. Sie will das Tatoo in London entfernen lassen. Wir werden es nicht verhindern können, ist ja auch nicht unsere Angelegenheit.

Ornella dachte nach, sie daran zu hindern sei, das Flugzeug zu besteigen...aber wie?...Vielleicht, indem wir sie aufhalten. In einen Verkehrsunfall verwickeln, wenn sie zum Airport fährt.

Sie rief Fuchs in einem günstigen Augenblick an und bat um Hilfe. Fuchs sagte sie zu, er übernehme auch die Regie.

 

 

13

Fuchs wusste Rat, er mache es möglich. Anita kam für ein paar Tage in die Klinik in Düsseldorf. Ein Wagen hatte den ihren seitlich gerammt und umgeworfen. Prellungen, Verdacht auf Rippenbruch.

Ornella hielt es nicht länger aus. Sie liess hinter Giovannis Rücken eine Kopie des Films anfertigen und sandte sie anonym der Polizei.

Gianfranco wurde verhaftet.

Giovanni äusserte sich gegenüber Ornella zunächst nicht dazu, sondern erst später, als die Medien den Fall brachten, er war verstimmt, sein Plan, sein Vorhaben mit Gianfranco, waren nicht in seinem Sinne aufgegangen. Was mochte sie bewogen haben, so zu handeln? Angst? Nur Angst, oder noch etwas anderes? Konnte er sich noch auf sie verlassen? Zweifel stiegen in ihm auf.

Gianfranco hatte keine guten Karten, der Staatsanwalt setzte ihm mächtig zu. Giovanni und Ornella hörten über GPS, wie er einen Anwalt verlangte, wie er von Emilios Besuch bei ihm und diversen Besuchen im Bordell erzählte, er selbst sei es nicht gewesen, sondern sein Bruder Emilio und so weiter.

Doch der Film war eindeutig, daran gab es nichts zu rütteln. Die Geschichte mit dem brüderlichen Doppelgänger legte der Staatsanwalt vorläufig auf Eis. Er werde bei Gelegenheit., wenn sich die Notwendigkeit ergeben sollte, auf den Bruder zurückkommen. Vorerst bestehe dazu keine Veranlassung.

Carlo erfuhr von den Ereignissen sehr schnell und reagierte entsprechend.: alle irgendwie belastenden Unterlagen und Notizen wurden vernichtet, und die Leute der Sektion Euro-West wurden zum striktem Stillschweigen vergattert. Zuwiderhandlung wurde nicht geduldet.

Das " Uno" bekam einen neuen Wirt, einen Mann namens Pidell, einen Moselaner, eigentlich von Pidell, der nach Italien kam, um in der Toskana Weinbau zu studieren, ein hoffnungsvoller junger Mann mit guten Manieren. Er wurde überall gut aufgenommen und gefördert.

Er lernte ein junges Mädchen kennen, Aurora Mundi, die aus gut betuchtem Haus kam, beste gesellschaftliche Voraussetzungen mitbrachte, schön und schlank war, gut angezogen und gelegentlich gut ausgezogen. In diese junge Dame verliebte sich Edgar von Pidell.

Sie wohnten eine Zeitlang in der Toskana, gingen dann auf einen kurzen Trip nach Neapel, wo sie in den Dunstkreis von Carlo Ponte gerieten, in den Hotels und Pensionen freundlich aufgenommen und zuvorkommend behandelt wurden. Neapel zeigte sich den jungen Leuten von der romantischen Seite. Hafen und Altstadt hatten es Edgar angetan, die treppenartigen Gassen mit den Wäscheleinen, das unvorstellbare Geschwirre und Stimmengewirre der vielen Menschen, Rufe, Gesang, dazu die Gerüche vielfältigster Art.

Der Dom des heiligen Genarro, der Monte Calvario mit dem Castel Sant‘ Elmo, die dominierenden Durchblicke auf den Golf, auf den man auf Schritt und Tritt zurückblickt und sich nicht von ihm lösen kann.

Die Abende in den Tavernen, die Gespräche mit der Bevölkerung, hier und da gab es eine Privateinladung, und eine von ihnen war in die Stadtwohnung eines angesehenen Bürgers der Millionenstadt, Signor Carlo Ponte. Er und seine Frau Anna Margareta überhäuften die jungen Leute mit einer Gastfreundschaft, die ihnen so nicht geläufig war. Dazu gehörten Törns auf dem Golf, Fahrten nach Capri, Einladungen zu Gesellschaften der Upper Ten von Neapel, die auf den jungen Edgar von Pidell und die hübsche junge Aurelia Mundi ihre Wirkung taten. Sie waren fasziniert. Fasziniert nicht nur vom Glanz, auch vom Elend der Stadt, die auch noch im Elend Flair hatte.

Als Carlo instinktsicher erkannt hatte, dass Edgar von Pidell zu einem Kronprinzen aufgebaut werden konnte, lud er die jungen Leute zu einer Soiree in sein Landhaus auf den Hängen des Vesuvs ein. Dieser Abend war der absolute Höhepunkt in Auroras und Edgars Leben, sie waren dem süssen Gift des Reichtums und der Macht verfallen.

Die Gespräche Carlos und Edgars bekam Giovanni mit, auch, dass Carlo ihm versuchsweise die Führung der vakant gewordenen Kneipenleitung Uno anvertrauen wolle, nein, nein, nicht für immer, nur für eine kurze Zeit, sagte Carlo ihm. Junge, du kannst bei mir Karriere machen.

Die Würfel waren gefallen.

Giovanni sagte zu Ornella: den Jungen müssen wir uns mal ansehen, er wird in Kürze kommen..

Und Edgar und Aurelia wurden, als er sich entschieden hatte, nach Euro-West geschickt, als Kneipwirt des "Uno". Niemand kannte ihn und er kannte niemanden, und folglich kannte er auch nicht das, was vorgefallen war. Allerdings erfuhr er häppchenweise von den Vorgängen und dass Giovanni der Mörder sei und schliessslich, dass er nicht der Mörder sei, seit sich die Lage zuungunsten Gianfrancos seit dessen Verhaftung verändert hatte und Giovanni entlastet worden war.

Das ASPIK wurde auf Carlos Anordnung hin von den Leuten der Sektion Euro-West fortan gemieden. Die Leute frequentierten ab dann verstärkt das Meyer Lensky, ein Yuppielokal, in dem ausser Eitelkeiten nichts anderes zum Markte getragen wurde.

Insofern und als die Polizei keine weiteren Recherchen nach eventuellen Mitwissern und Mittätern anstellte, war für Carlo der Fall zunächst erledigt, allerdings nicht lange. Interpol verlangte von der Verwaltung in Catania, den Aufenthalt von Emilio bekannt zu geben zwecks Gegenüberstellung mit Bruder Gianfanco. Das Ansinnen erwies sich aber als trügerisch: Emilio war nicht polizeilich gemeldet und folglich nicht existent.

Derweil stattete die deutsche Polizei dem ASPIK einen Besuch ab und wollte Anita verhaften, die aber nicht anwesend war. Sie erfuhr von ihrem Aufenthalt in einer Düsseldorfer Klinik. Die Kriminalexperten fuhren hin und stellten fest, dass das Tatoo auf dem linken Handgelenk von Anita zu dem auf dem Film passte, und die Staatsanwaltschaft liess die Genesene unverzüglich verhaften. Die Anklage lautete auf Anstiftung zum Mord, kurz und bündig und ohne Umschweife.

In diesen Tagen ging Carlo durch die Hölle. Giovanni auf der Flucht, Gianfranco unter Mordverdacht im Knast, Anita inzwischen auch in U-Haft, was ihn persönlich nicht störte, sofern durch sie keine dunklen Punkte zum Vorschein kommen würden. Die verpatzte Aktion in Sachen MKS und BSE konnte er noch am ehesten verschmerzen, das ist jederzeit zu wiederholen und am besten dann, wenn niemand mehr mit der Gefahr rechnet.

Warum wollte Giovanni aussteigen, das bewegte ihn mehr als er zugab. Warum blieb er untergetaucht, obwohl ihm Mord nicht vorzuwerfen war? Warum kam er nicht vertrauensvoll zu ihm? Sie hätten miteinander reden und die Sache bereinigen können. Er hätte seine Hand über ihn halten können. Es kam Carlo der schlimme Verdacht, dass Bertil Franco von der russischen Seite ihn gekauft haben könnte. Eigentlich die einzige Erklärung.

Was kann sonst noch dahinterstecken? fragte sich Carlo. Ein westlicher Geheimdienst, die Israelis, die darauf warten, Saddam Hussein oder Arafat den schwarzen Peter zustecken zu können, um sie vor der Weltöffentlichkeit des Staatsterrorismus zu bezichtigen?

Er debattierte diese Fragen im kleineren Kreis. Niemand wusste ein Patentrezept. Giovannis merkwürdiges Verhalten, das war der eigentliche Knackpunkt. Er und Ornella, was verband die beiden?

Benito befragte er gesondert unter vier Augen, und es stellte sich bald heraus, dass er im Grunde nichts wusste. Aber auch er wurde zu striktem Stillschweigen verdonnert; sein Deal mit Gianfranco bezeichnete Carlo als dilettantische Stümperei. Den Deal dürfe er unter keinen Umständen eingestehen, falls er vernommen werden sollte. Ist das klar?

Tüten im Strassengraben zu deponieren, das muss man sich einmal vorstellen. Da kann man ja fast noch von Glück sagen, dass der Wagen schliesslich gestohlen wurde. Hoffentlich waren keine Papiere drin oder sonstige belastenden Dinge.

Nein, Chef, ich glaube nicht.

Immerhin war es denkbar, dass Gianfranco vor Gericht auspackt angesichts der zu erwartenden lebenslangen Haftstrafe. Es hätte das Strafmass nicht vergrössert. Carlo entschloss sich, den deutschen Rechtsanwalt Klerch einzuschalten, einen Mann, dem in Carlos Kreisen ein entsprechender Ruf vorausging, der die Verteidigung übernehmen und versuchen sollte, Gianfranco vom Mordverdacht zu befreien und Bruder Emilio zu belasten. . Wenn einwandfreie Beweise fehlen, kann keine Anklage erhoben werden, Gianfanco muss dann entlassen werden. So die Gedankengänge Carlos, die sich im Laufe der Gespräche mit Klerch formiert hatten.

Carlo nahm Benito ein zweites Mal beiseite, sah ihn streng an und fragte ihn hochnotpeinlich: hast du mir alles gesagt? Die volle Wahrheit?

Ich schwöre es, sagte Benito verängstigt.

Du solltest nicht schwören, sondern nur die Wahrheit sagen. Wenn jemand schwört, bin ich prinzipiell misstrauisch.

Aber, Chef, ich habe die ganze Wahrheit gesagt.

Na gut, sagte der Alte, wollen wir das fürs erste auf sich beruhen lassen. Hattest du in letzter Zeit Kontakt mit Giovanni?

Nein, ich schwö...pardon, ich hatte keinen Kontakt mit ihm.

Oder kennst du jemanden, der mit ihm Kontakt hatte ausser dieser furchtbaren Ornella?

Nein,... oder vielleicht doch.

Raus mit der Sprache.

Ich will ja nichts gesagt haben, aber vielleicht könnte Guilhelmo etwas zu dem Fall sagen. Ich weiss zufällig, dass er und Giovanni öfter miteinander telefoniert haben.

Worüber sie sich unterhalten haben, weißt du natürlich nicht.

Nein, Chef.

Guilhelmo zu verdächtigen, ist lächerlich, sagte der Alte entrüstet. Guilhelmo entfällt, ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, basta.

Entschuldigung, ich wollte ja auch nicht...

Halt den Mund und geh an deine Arbeit. Aber wir sprechen uns noch, Freundchen.

14

Guilhelmo informierte Giovanni über die Sitzung und berichtete haarklein. Benito steht hier unter Verdacht, sagte er, keinem konkreten bisher, aber doch unter dem, die Aktion unterlaufen zu haben. Der Alte ist misstrauisch in mehrfacher Hinsicht. Erstens misstraut er dem Benito, dem Bastard, wörtlich, er meint, dass er den Wagendiebstahl organisiert haben könnte, zweitens einer noch unbekannten Person, die den Film der Polizei zugespielt haben muss, drittens dir, was du mit dem Versteckspiel eigentlich bezweckst. Offen gestanden weiss ich das auch nicht, zum jetzigen Zeitpunkt, wo alles offen zu Tage liegt und du aus der Schusslinie bist.

Woher willst wissen, dass nichts mehr passiert? sagte Giovanni. Carlo ist für jede Art Überraschung gut, er könnte jederzeit eine neue Aktion starten, und zwar mit neuen Leuten. Ausserdem könnte er mich verfolgen lassen, weil ich untergetaucht bin, weil er mir Verrat an der Cam unterstellt. Alfredo Radondi und Bertil Franco darfst du bitte nicht vergessen, sie stehen vielleicht schon in den Startlöchern. Und die Beschaffungsaktion könnte diesmal ganz anders aussehen. Im vorderen Orient gibt es das Material günstig zu kaufen, die Transportwege gehen über den Balkan nach Polen und Ostdeutschland. Für mich ist die Gefahr noch nicht gebannt, Carlo misstraut mir, wird mir immer misstrauen...

Guilhelmo sagte eine ganze Weile nichts und atmete tief durch. Dann sagte er: eigentlich sollte das nicht unser Problem sein, ausgenommen, Carlo verfolgt dich wirklich, wovon wir hier wirklich nichts wissen.

Es genügt, wenn ich es weiss, sagte Giovanni. Ich bin in seinen Augen abtrünnig, und wie man mit solchen Leuten verfährt, weißt du.

Carlo wird Adele nachträglich als Initiatorin belasten wollen, sie hatte einen grossen Einfluss auf Gianfranco, ja man kann von Hörigkeit sprechen, und Bruder Emilio war ihr sexuell auch hörig, das kann man ohne Schwierigkeiten behaupten. Das muss bei Klerch ein entscheidender Punkt der Verteidigung sein, das wird Carlo noch mal sehr deutlich von Klerch verlangen.

Adele kann sich nicht mehr wehren. Vielleicht findet die Polizei tatsächlich noch schriftliche Notizen oder andere Hinweise, die sie belasten. Anita muss aus purer Rachsucht gehandelt haben, weil Adele sie zu unwürdigen Handlungen gezwungen hat, das ist auch wichtig und muss von Klerch unbedingt hervorgehoben werden.

Vage Überlegungen, sagte Giovanni, aber Carlo setzt auf Emilio als Mörder, und damit soll Klerch Gianfranco freibekommen. Der Mann taugt zwar nichts, aber er ist jetzt auf einmal wichtig, um die Cam von jedem Verdacht zu befreien. Emilio gehört nicht zur Cam, nicht zur Cosa oder einer anderen Organisation. Der Mord an Adele muss die Tat eines Irren sein, das ist Carlos Überlegung.

Und was ist mit Anita, die mit dem Tatoo? Kennt Carlo die Story?

Von Anita? Das ist anzunehmen. Er weiss auch von den Filmkameras, hat sie sogar finanziert, somit weiss er, dass du und Ornella im Bilde waret.

Eben. Carlo muss sich fragen, warum du dich nicht meldest, du bist unschuldig.

Unschuldig und abtrünnig, das letztere genügt Carlo.

Der Tod im Bordell und seine Folgen, klingt makaber, wie ein schlechter Roman.

Ja, wo wird denn geredet? Da, wo die Leute animiert sind, also Kneipe und Bordell.

Saufen und Sex, so einfach ist das. Die Kerle sind in ihrer Geilheit und Beschwipstheit nicht zu bremsen, besonders dann nicht, wenn sie schöne Mädchen unter sich haben. Aber, wie gesagt, es kam nicht viel dabei heraus, ausser, dass Carlo jun. und Gianni etwas über uns erfahren wollten.

Mit anderen Worten, sagte Guilhelmo, der Alte war doch immer misstrauisch, auch dir gegenüber wie gegenüber jedem von uns. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Das hat er vom alten Lenin.

Es sieht so aus. Wir sollten das mal ausführlich besprechen, aber nicht telefonisch.

Wir werden zwar nicht abgehört, aber unter vier Augen lässt es sich besser reden. sagte Giovanni. Besuchst du mich? Du lässt dir einen triftigen Grund einfallen, um ein paar Tage weg sein zu können.

Ich muss befürchten, beschattet zu werden, sagte Guilhelmo.

Ich weiss, wie ich das verhindern kann, sagte Giovanni. Es ist im Grunde ganz einfach, ich kenne die Gegebenheiten hier, ich garantiere dir deine Anonymität. Nehmen wir an, Carlo – das musst du ihm schmackhaft machen – schickt dich auf eine Inspektionsreise, meinetwegen, um nach mir zu suchen. Ich besorge dir ein Appartement im Steigenberger, ganz edler Schuppen, oder meinetwegen auch woanders, wobei ich das Steigenberger bevorzugen würde, nicht nur, weil ich den Direktor kenne. Er legt Wert darauf, dass die Anonymität des Gastes gewahrt bleibt.

Du verständigst mich vor dem Abflug, und ich erwarte dich im Hotel. Du bist avisiert, und ich erwarte dich in deinem Appartement. Niemand wird unser Treffen bemerken.

Ok, ich werde mal mit dem Alten sprechen, du hörst von mir.



15

Sie trafen sich im Steigenberger Maxx. Guilhelmo kam mit einem unguten Gefühl, den Bedenken dessen, der sich beobachtet fühlt, dem scheuen Blick des Unsicheren. Gibt es hier Wanzen?, flüsterte er kaum hörbar. Giovanni verneinte. Mach dir keine Sorgen, wir müssen nicht flüstern, es gibt keine Wanzen, und hier ist alles stark und solide gebaut, schalldichte Türen und Wände. Ich weiss das vom Direktor, den ich kenne.

Ja, danke, sagte Guilhelmo erleichtert, Du verstehst doch meine Bedenken.

Er sah sich interessiert nach allen Seiten um, wie um sein ängstliches Verhalten ungeschehen zu machen. Ein sehr schönes Ambiente hier, hätte ich nicht gedacht, wo es doch immer heisst, der Kohlenpott sei schmutzig und russig.

Die Zeiten sind längst vorbei, sagte Giovanni, und statt der Kohlebergwerke und Hüttenbetriebe gibt es inzwischen eine beachtliche Hightechindustrie, um nur etwas von dem gewandelten Lokalkolorit zu benennen. Man kann shoppen, essen, bummeln, es gibt einige 5- Sterne- Hotels, alles vom feinsten. Du kannst haben, was du willst. Die Region ist reich und hochinteressant. Hier wird ausserordentlich effektiv gearbeitet, sie können mittlerweile gute Forschungsergebnisse vorweisen, haben die höchste Universitätendichte nicht nur Europas. Und hier findet ganz wesentlich der Anschluss an die Weltspitze statt, die Unternehmen und ihre Zulieferer, Frauenhofer Gesellschaft zB., haben zT. schon Anschluss an die Globalisierten. Carlo hat erkannt, dass es sich lohnt, hier für unsere Interessen zu investieren. Der Plan mit der Flächenverseuchung des Tierbestandes ist nur als erste Möglichkeit gedacht gewesen, sozusagen Generalprobe, um vorübergehend Turbulenzen zu schaffen, Einflusszonen, um dann rechtzeitig und effektiv und auf mehreren Gebieten einsteigen zu können.

An welche denkst du?

Landwirtschaft, Verkehr, Luftfahrt, Brandanschläge, um in den Wiederaufbau mit einzusteigen, verstehst du? .Es gibt viele Möglichkeiten. Man sollte aber klein anfangen, sozusagen mit Nadelstichen. Später kann man aufstocken, Politiker zu entführen drohen, ihre Familien terrorisieren, die Börse durcheinanderbringen, Viren ins Netz einschleusen, Bankensalden manipulieren durch infizierte eMails und so weiter.

Guilhelmo sah den Freund nachdenklich an. Ja, ja, es gibt in der Tat eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das geordnete Leben durcheinander zu bringen. Die Bevölkerung hasst nichts mehr als Veränderungen ihrer Lebensführung. Erst kommt das Fressen und das Saufen und dann die Moral.

Wollen wir nicht einen kleinen Begrüssungsschluck nehmen?

Giovanni ging an die Hausbar und entnahm ihr Flasche und Gläser. Auf dein Wohl, Guilhelmo.

Auf deines, auf unseres. Ja, es gibt in der Tat ein reiches Betätigungsfeld.

Guilhelmo sah aus dem Fenster auf die grosse Sporthalle gegenüber. Stell dir nur mal vor, da ist die Halle voller Menschen und es gibt plötzlich Bombenalarm. Es bricht Panik aus, und wenn sich das ein paarmal wiederholt oder tatsächlich mal eine Bombe hochgeht, schlägt die Stimmung um. Die Leute werden aufmüpfig, schimpfen auf ihre unfähigen Politiker, rufen nach der Polizei, andere halten das nicht für gut, wir haben gerade erst einen Polizeistaat hinter uns, wir gehen auf die Strasse für mehr Demokratie und Ausländerfreundlichkeit und alle diese Parolen. In solchen Situationen sind die Menschen sehr sensibel, da kann man einhaken.

Er nahm einen Schluck. Wer von euch hatte denn die BSE- und MKS-Aktion zu leiten, Gianfranco oder du?

Gianfranco.

Willst du sie später fortsetzen und neu beginnen?

Auf keinen Fall, sagte Giovanni.

Willst du weiter im Untergrund bleiben?

Das kann ich noch nicht sagen, das hängt von vielen Faktoren ab. Carlo müsste sich schon auf mich zubewegen.

Das wird er nicht tun, sagte Guilhelmo, du kennst seinen Starrsinn.

Nein, das wird er nicht, sagte Giovanni und ich werde mich auch nicht auf ihn zubewegen. Also trennen sich unsere Wege.

Er wird dich jagen und zur Strecke bringen wollen.

Wenn er Jagdglück hat. Es könnte auch ganz anders laufen.

Natürlich, sagte Guilhelmo, alles ist möglich.

Sie tranken noch ein Glas, bevor Giovanni ging.

Was soll ich dem Alten sagen, wenn ich zurück bin?

Es wird dir was einfallen, alter Freund. Wir beiden werden uns auch lange nicht mehr sehen, das tut mir leid.

Ja, mir ebenso, sagte Guilhelmo.

Sie gaben sich die Hand und sagten ciao, amico.

.

16

Abends telefonierte Guilhelmo, nachdem Giovanni gegangen war, mit Carlo.

Nun, wie ist er? Was sagt er? Kann man ihm glauben?

Ich weiss nicht, sagte Guilhelmo.

Er hat sich also innerlich schon abgesetzt. Weißt du, wo er wohnt?

Nein, nicht. Er hat es mir nicht gesagt.

In der Stadt oder auf dem Land?

Ich weiss es wirklich nicht, sagte Guilhelmo.

Na, auch gut, sagte Carlo. Du spielst ihm den Freund vor, bringst ihn zum Reden. Vielleicht sagt er noch was.

Wir haben nur noch 2 Tage, ich will es versuchen.

Sie sahen sich nur noch kurz. Giovanni kam wieder durch die Hintertür.

Zwischen den Männern stimmte die Chemie nicht mehr, aber beide liessen sich nichts anmerken, obwohl Giovanni den Umschwung bei Guilhelmo ahnte. Carlo wird handfest gesagt haben, keine falschen Ressentiments, ich will jetzt Fakten sehen.

Ich komme morgen noch einmal, sagte Giovanni beim Abschied, aber er kam nicht mehr. Es schien ihm geraten zu sein, Guilhelmo zu meiden. Ein ungutes Gefühl hatte ihn beschlichen, er war sich des Freundes nicht mehr sicher, möglicherweise hatte Carlo eine Abordnung geschickt..

Er fuhr zu Ornella auf den Hof und besprach mit ihr das veränderte Verhalten Guilhelmos und das sich daraus ergebende weitere Vorgehen. Einen Ortswechsel hatten sie zunächst nicht mehr vor, seit Gianfranco hinter schwedischen Gardinen sass und Guilhelmo den Hof nicht kannte.



Alfredo und Bertil waren jetzt vermutlich mit ihren Vorbereitungen beschäftigt, die Aktion erfolgreich und störungsfrei durchzuführen. Es stand auch für sie viel auf dem Spiel, denn Carlo wollte unter allen Umständen Erfolge sehen.

Wir werden dem LKW entgegenfahren, der Fahrer wird auf der Raststätte Würzburg eine Pause einlegen, das ist üblich, und das könnte unsere Stunde sein, Ornella.

Willst du an dem Wagen etwas manipulieren?

So kann man es nennen, ich denke noch nach.

Am besten die Bremsen, sagte sie.

Kein schlechter Gedanke, oder sonst was Wichtiges, was schnell zu erledigen ist. Wir nehmen den unauffälligen Deux Chevaux und erwarten den Mailänder LKW. Während der Mann drinnen in der Raststätte isst, werde ich in Monteurkluft nachsehen, was sich machen lässt.

Sei bitte vorsichtig.

Als Monteur mit Werkzeugtasche falle ich nicht auf. Das dauert nur ein paar Minuten.

Ornella nickte. Hoffentlich fährt er über Würzburg.

Vermutlich, ich gehe davon aus. Sie machen immer Rast in Würzburg.

Was ist mit der Eskorte?

Austricksen.

Und wie?

Von dem LKW ablenken, zum Beispiel fährst du spektakulär auf irgend etwas drauf und markierst eine Ohnmacht. Während die Männer abgelenkt sind, manipuliere ich, es wird mir was einfallen.

Giovanni und Ornella fuhren nach Würzburg und warteten auf dem Parkplatz des Rasthauses. Er war nur zur Hälfte besetzt und gut übersichtlich. Noch war der LKW nicht angekommen.

Hoffentlich kommt er überhaupt, Ornella war ungeduldig.

Normalerweise müsste er kommen, ich rechne mit ihm zwischen 8 und 10, solange müssen wir schon noch warten.

Ok, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, ob du etwas manipulieren kannst.

Ich habe die Monteurskluft und den Werkzeugkasten, nun mache mich nicht nervös mit deiner ständigen Fragerei.

Kann dem Fahrer etwas passieren, wenn du manipuliert hast? fragte sie dennoch.

Wenig, ein paar Prellungen vielleicht..

Aber kein tödlicher Unfall?

Ich denke, dass er es bald merken wird, wenn die Bremsen nicht funktionieren, und er die Fahrt vorzeitig aufgeben wird.

Endlich kam er. Der Fahrer stellte den Wagen ab und ging ins Rasthaus. Ornella folgte ihm, sah, dass er sich mit Speisen und Getränken versorgt hatte und ging zu Giovanni zurück. Das dauert mindestens eine halbe Stunde, reicht dir das?

Ich habe inzwischen eine bessere Idee, sagte Giovanni.

Welche?

Der Mann hat den Wagen nicht verschlossen und sogar die Schlüssel stecken lassen.

Nein, das gibt es doch nicht.

Doch, das gibt es. Er glaubte sich vielleicht noch in seinem Dorf zuhause, wo das öfters vorkommt.

Mir ist eine Idee gekommen. Wir entführen den Wagen.

Waas? Und wohin?

Ich fahren ein Stück weiter, du folgst mit der Ente, dann verlassen wir die Autobahn und fahren aufs Land. Ich kenne einen verlassenen Hof, in dessen Scheune wir den LKW abstellen. Wir erreichen das Gebäude in 15 Minuten, also Zeit genug, bevor die Polizei ihn sucht. Er ist dann einfach weg und verschwunden.

Und woher kennst du den Hof?

Der Besitzer ist ein Lothar Gebauer, der ihn mal zu einem Feriendomizil umbauen wollte, aber bisher nicht dazu gekommen ist. Gebauer befindet sich zZt. in Südafrika, kommt erst in 6 Monaten zurück. Wir haben also jede Menge Zeit.

Woher kennst du den Mann?

Aus Messina, wo er architektonische Studien machte. Das ist schon Jahre her, aber wir stehen in telefonischem Kontakt Ich war kürzlich sogar in dem Haus, er wollte es mir zeigen, vielleicht wollte er mich auf den Geschmack bringen, eines dieser verlassenen Häuser zu kaufen.

Gibt es Nachbarn?

Die sind weit weg, sie werden nichts bemerken.

Wir stellen den LKW also in die Scheune und gehen wieder weg und in einen ländlichen Gasthof. Dann fahren wir zurück ins Münsterland, als ob nichts gewesen wäre.

 

17

Unterwegs im Deux Chevaux, der rasselnd und lärmend und schaukelnd dahinrollte, ein Anachronismus auf Rädern, kreisten ihre Gedanken immer wieder um den Lastwagen in der Scheune. Sie sagte, irgendwann müssen wir ihn wegfahren.

Ja, irgendwann, wenn niemand mehr daran denkt und bevor Gebauer zurück ist.

Ornella sagte: der Fahrer wird mit einer drastischen Strafe zu rechnen haben, können wir das verantworten?

Nein, dazu wird es nicht kommen, sagte Giovanni, er wird behaupten, ihn verschlossen und die Schlüssel abgezogen zu haben. Er wird die Reserveschlüssel vorweisen und Carlo weismachen, dass der Wagen aufgebrochen und kurzgeschlossen wurde. Diese Leute lassen sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen.

Ausserdem kann er zu seiner Entlastung sagen, man habe ihm den Beifahrer verweigert, der bei wichtigen Transporten normalerweise dabei sein sollte. Womit er ja auch Recht hat

Es wird aber dennoch für den Mann nicht leicht werden, sagte Ornella.

Ich bin sicher, er hat einen Reserverschlüssel dabei.

Hast du eine Phantasie.

Natürlich, ist ja auch wichtig. Die Nachforschungen der deutschen Autobahnpolizei werden sich auf das Gebiet Hessen, Sieger- und Sauerland konzentrieren. Das kann uns nur recht sein. Nur ein dummer Zufall könnte sie auf unsere Spur bringen.

Was hast du überhaupt mit dem Wagen vor?

Zunächst einmal nichts, er wird 3, 4 Monate stehen bleiben, dann schauen wir nach, nachts natürlich. Wir werden nicht vor dem Haus vorfahren, sondern es zu Fuss aufsuchen. In der Zwischenzeit könnten wir Carlo anrufen, er möge sich mal um Alfredo Radondi kümmern, er sei mit einem italienischen LKW gesehen worden.

Mit veränderter Stimme?

Natürlich, nur so, sagte Giovanni. Radondi sei auf dem Wege nach Polen, das sei zufällig bekannt geworden.

Du pokerst hoch, Freundchen.

Wir verlegen den Tatort vom Westen nach Osten. Wenn im Osten eine Epidemie ausbricht, hatte ich Recht, wenn nicht, hat Radondi das Zeug weiter verschoben, und so weiter. Ornella, man muss den Mann nervös machen, er darf nicht mehr wissen, was er glauben darf und was nicht. Und um dem Ganzen noch einen Schuss Dramatik zu geben, müssen wir durchblicken lassen, dass zu gegebener Zeit auch Milzbranderreger eingesetzt werden. Es habe davon auf dem LKW einige Portionen gegeben, von den paar Kisten TNT ganz zu schweigen..

O je, das ist ja spannend, sagte sie.

 

 

18

 

Die nächste Raststätte an der Sauerlandlinie war gut besetzt, PKW, Busse und jede Menge. Touristen, Deutsche, Holländer, Franzosen, Polen, einige Italiener und ein paar Skandinavier. Zwischen ihnen ein Mailänder Alfa 147. Sollen wir mal durch das Lokal gehen und ein wenig im Vorübergehen lauschen? Vielleicht ergibt sich was.

Man kann den meisten Leuten ihre Nationalität ansehen, wir konzentrieren uns auf die Mediterraner.

Sie gingen durch die Räume und Durchlässe, und im letzten sassen zwei italienisch aussehende Herren und eine Dame.

Sie nahmen am Nebentisch Platz und unterhielten sich deutsch. Es dauerte nicht lange, bis sie am Nebentisch italienisch sprechen hörten.

Ich habe ihm immer eingeschärft, die Türen zu verschliessen, sagte einer der Herren. Offenbar hat er sich nicht daran gehalten. Aber wer zum Teufel hat den Wagen entführt?

Ich denke, sagte die Dame, jemand aus der Organisation.

Wie kommst du darauf, Maria?

Ich habe so ein Gefühl. Ich weiss es nicht näher zu definieren, aber ich täusche mich selten.

Ach Gott, du und deine Gefühle.

Maria war beleidigt, wandte sich halb ab und rührte in ihrer Kaffeetasse.

Emilio, was meinst du?

Schwer zu sagen. Der Teofilo hat ja noch 2 Kisten zugeladen.

Wie? Was? Was heisst zugeladen? Wo denn?

In Torino.

Und was hat Teofilo zugeladen?

Der Gefragte sagte es leise, hinter vorgehaltener Hand, TNT, dabei sah er zum Nebentisch herüber, an dem Ornella und Giovanni sassen, die aber Händchen hielten und sehr verliebt taten.

Was?

Ich sagte TNT, flüsterte er, ist für die Liga Nord bestimmt gewesen und sollte in Ha-vixchse-becke...

Du meinst Ha-wix-beck?

Si, si Ha-vix-beck...äh... umgeladen werden.

Dieser Idiot. Wo mag er jetzt stecken?

Vermutlich ist er auf dem Präsidium und gibt alles zu Protokoll.

Hoffentlich weiss er, was er zu sagen hat.

Natürlich weiss er das, Mobili e scarpe, haha.

Sie werden den Frachtbrief sehen wollen. Ist der vielleicht im Wagen geblieben?

Woher soll ich das wissen?

Die Dame mischte sich wieder ein: piano, piano, prego. Und sie sahen wieder zum Nebentisch. Ornella und Giovanni küssten sich gerade.

Draussen notierten sie sich die Nummer des Alfa. Er hat also Aufpasser im Nacken, sie machen das immer so bei wichtigen Transporten.

Und warum hatte er keinen Beifahrer?

Das weiss ich nicht. Vielleicht war einer vorgesehen und ist in letzter Minute ausgefallen. Aber, das sollte nicht unsere Sorge sein. Der Wagen steht jedenfalls in der Scheune in Sicherheit.

Sie bestiegen den Deux Chevaux, und Giovanni telefonierte mit seinem Freund Remigio in Rom. 10 Minuten später erfuhr er den Namen des Wagenbesitzers, es war Luigi Bertone.

Ornella, sagt dir der Name etwas?

Nein, absolut nichts.

Luigi Bertone ist einer der grössten Waffenhändler Italiens. Da staunst du, was?

Als wir die Worte TNT hörten, hätten wir es uns denken können. Bei MKS halten die sich nicht lange auf. Irgendein Anschlag würde bald fällig gewesen sein. Übrigens sind auch Angriffe auf das Web geplant. Viele Backbone-Leitungen verlaufen physisch durch die Vermittlungsstellen der Telecom. Allein durch den Knoten De-Cix in Frankfurt verlaufen 85% des deutschen Internetverkehrs. Fällt der aus –und du weißt ja, wie das passieren kann – wird die deutsche Internet-Wirtschaft paralysiert.

Hast du in der Richtung was vor?

Nicht konkret, nicht jetzt, aber vielleicht irgendwann einmal. Dasselbe könnte man sinngemäss in Italien und anderswo machen.

Wenn du aber einen Anschlag dieser Art machst, paralysierst du dich auch, sagte Ornella, denn wenn nichts mehr geht, gehen auch unsere Geschäfte nicht mehr.

Oder doch, aber anders, ganz anders.

Wenn du das so sagst.

Giovanni meinte: Ich hätte einen Anschlag vor, Ornella. Auf dich.

Wieso auf mich?

Ja, auf dich, auf dem nächsten Parcheggio.

Du bist mir ein Ganove, Giovanni.

Ich habe mächtig Tinte auf dem Füller, Kind.

Der Wagen ist zu eng.

Nein, es geht, weiss ich von früher, das war mal in einem cinquecento.

Es ging tatsächlich.

 

Mal was anderes, Giovi, sagte sie, als sie ihre Kleidung wieder geordnet hatten. Seit wann willst du aussteigen? Und willst du es wirklich, oder nur Carlo drohen?

Seit meinem Telefonat mit dir, als ich wusste, dass ich die Region Euro-West übernehmen sollte. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, und vor allem konnte ich das alles nicht mehr vor meinem Gewissen verantworten. Das Schicksal der Tiere, die sie wie eine Ware behandeln, hat dazu beigetragen. Das ist alles so unwürdig. Die Kreatur wird wie Dreck behandelt, das stört mich schon lange. Er machte eine Pause.

Nein, Ornella, ich will etwas ganz anderes. Ich will an die "Globals" heran, ihnen kleine Schäden zufügen, Viren ins Netz schleusen, behutsam, nicht alles auf einmal, sondern nach und nach, schrittweise und nebenbei eine eigene Organisation aufbauen und bei den Globals mitmischen. Der Unterschied zwischen Carlo und mir besteht im wesentlich darin, dass Carlo alles auf einmal will, mit der Brechstange sozusagen, und ich will die kleinen, aber konsequenten Schritte, die unauffälligen, von denen man eigentlich nichts bemerkt ausser beim Resultat. Dazu bedarf es einer ausgefeilten Taktik, und die hat Carlo nicht, die hatte auch Gianfranco nicht, die hat, soviel ich sehe, ausser mir niemand. Und darin besteht die grosse Gefahr für mich, nämlich, dass ich innerhalb der Cam mir Feinde schaffe, die mich früher oder später beseitigen wollen. Carlo ist nicht der einzige, glaub mir.

Seit wann weißt du das? Und wie sehen die konkreten Pläne aus?

Seit ich bei Euro-West bin, ist mir der neue Weg klar geworden, aber noch nicht die Pläne. Die entstehen peu a peu, sozusagen aus der Situation und der aktuellen Lage. Ausserdem denke ich in Sprüngen, assoziativ. Ein Gedanke löst einen zweiten, gegebenenfalls auch einen dritten und vierten aus. Das Ganze ist ein grosses Schachspiel, man muss die Züge vorausdenken können, ich meine die des Gegners. So und nur so wird meine Beteiligung an der Globalisierung funktionieren. Insofern sind wir uns ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass meine Destruktionen verhältnismässig klein sind, aber gross genug, auf ihnen aufzubauen.

Brauchst du mich dazu?

Die Frage überraschte ihn, er sagte, ja, doch, aber es klang ein wenig gedehnt.

Ok, ich verstehe, sagte sie lakonisch.

19

Sie erreichten ihren Hof gegen Morgen, legten sich noch schlafen und erwachten durch ein dumpfes Geräusch.

Was kann das sein?

Ein Stemmeisen. Das Geräusch kommt von der Tür. Sie lauschten angespannt. Sie hält nicht mehr lange, ich muss dem Mann zuvorkommen.

Sie zogen sich rasch und geräuschlos an, Giovanni schraubte den Schalldämpfer auf und ging auf leisen Sohlen durch die Küche in den Vorratsraum, konnte ein gelegentliches Knarren der Dielen nicht ganz verhindern, was aber nicht weiter auffiel, öffnete das Fenster mit dem Fliegennetz und sah Bertil das Stemmeisen erneut ansetzen. Es war Bertil, er sah ihn genau. Geballte Konzentration, Behutsamkeit und Kraft zugleich. Wenn er zum Stemmen ansetzte, zeigte sich die Zunge zwischen den Lippen. Typisch Bertil, es gab keinen Zweifel, auch nicht daran, wem die Mühe galt.

Giovanni hob die Waffe mit der Rechten, unterstützte sie mit der Linken, hob sie in Augenhöhe, Kimme und Korn und Bertils wulstigen Stirnansatz. Eine gerade Linie. Er zielte konzentriert und emotionslos, er oder ich. Dann zog er ab. Das Plopp des Schusses war kaum wahrnehmbar, und auch Bertils Sturz nicht, es war ein Zusammensacken des Körpers. Giovanni empfand nichts, keine Emotion, keine Angst, keine Reue. Es war ein glatter, gradliniger Schuss, Kimme, Korn, Stirn. Er wunderte sich über die ruhige Hand, in der die Waffe lag. Ja, Bertil, so ist das nun mal, Du oder ich, das war die Frage. Entschuldige, dass ich schneller war.

Giovanni ging zu Ornella ins Schlafzimmer zurück. Wir müssen ihn wegbringen.

Wer war es?

Bertil.

Ja, natürlich, Bertil.

Carlo wird ihn angewiesen haben, nehme ich an.

Ornella nickte. Wohin wollen wir ihn bringen?

In den Wald, in den Fluss, mal sehen. Jedenfalls muss er so rasch wie möglich und so weit wie möglich von hier weg, bevor die beiden Alten etwas merken. Auch müssen wir bedenken, dass Alfredo Radondo in der Nähe ist und auf seine Rückkehr wartet.

Willst du den etwa auch...?

Wenn er mich dazu zwingt, ja. Früher oder später kommt es dazu. Jetzt treten wir in die Phase des Psychokrieges ein. Wir belauern uns und räumen uns aus dem Wege. Es wird darauf ankommen, zu gewinnen. Wir müssen uns angewöhnen, den nächsten Schritt des Gegners vorauszusehen.

Wir sollten unsere Sachen packen, sagte Ornella. Und sie schon jetzt ins Auto bringen.

Giovanni nickte, sie packten und gingen durch den Stall in die Scheune.

Ist er sehr schwer?

Rechne bei Bertil mal mit 70 Kilo, geteilt durch 2. Am besten lässt er sich tragen, wenn er auf einem Sack liegt.

Sie machten sich an die Arbeit, und als sie den toten Bertil im Kofferraum hatten - er liegt nicht bequem, meinten sie - und die Tasche auf dem Rücksitz, gingen sie noch einmal zurück und überprüften die Wohnung nach etwaig Vergessenem, verschlossen sie und schoben den Wagen zum hinteren Scheunentor hinaus. Neben dem Misthaufen und dem dahinter liegenden Brachfeld ist das Gelände leicht abschüssig, weißt du. Nicht mehr so anstrengend, keuchte er. Den Motor starten wir erst, wenn das Gelände wieder ansteigt. Die Alten halten ihren Mittagsschlaf, wir stören sie dann nicht mehr.

Und Radondo auch nicht, sagte sie.

Nach dem Misthaufen und dem Brachfeld ging es in den Feldweg. Hier startete Giovanni den Motor, der sonor vor sich hinblubberte, über die Wiese dahinter, er öffnete das Gatter, fuhr durch, verschloss es wieder und dann in den Wald, langsam, vorsichtig, bei Schrittempo macht der Motor gottlob kein grosses Geräusch, weißt du.

Ja.

Sie kamen aus dem Wald heraus, überquerten eine Strasse vorletzter Ordnung und fuhren wieder ein Stück Waldweg, an dessen Ende die Wasserkaule lag.

Giovanni fuhr rückwärts an sie heran, schaltete den Motor ab. Öffnete die hintere Klappe, suchte einen schweren Stein und band ihn an Bertils Körper. Giovanni zog sich nackt aus, sie zogen den Toten gemeinsam aus dem Wagen und er ihn ins Wasser und in die Mitte der Kaule, wo er auf den Grund absank.

Das Wasser reichte Giovanni bis an die Schultern. Er watete heraus, als das getan war, und wusch den Schlick von Händen und Füssen, Ornella reichte ihm ein Handtuch, und er zog sich wieder an.

Man sieht dir nicht an, dass du gerade einen Toten beseitigt hast, sagte Ornella. Es ist, als ob nichts geschehen wäre.

Sie blieben noch eine Weile, schwer atmend und vergewisserten sich, ob sie keine Spuren hinterlassen hatten, verwischten die Reifenspuren, nachdem sie um die Kaule herum waren, fuhren sie auf einen Wiesenweg und auf die nächste Strasse.

Ich muss einen Schluck trinken und etwas essen, mir ist ziemlich flau, sagte er.

Sie gingen in ein Lokal, Giovanni brauchte einen doppelten Schnaps und ein Bier. Er fühlte sich matt.

Radondo wird uns suchen, sagte er tonlos, wir können nicht mehr in das Haus zurück.

Ok, sagte Ornella, dann suchen wir uns eine neue Bleibe. Ihre Stimme klang fest, wohl, um sich und ihm Mut zu machen. Mir tun die beiden Alten leid, was sollen die von uns denken?

Ja, mir auch, wir werden uns später, bei Gelegenheit, bei ihnen melden und alles regeln, auch finanziell.

Wir schreiben ihnen, es wird uns etwas einfallen.

Ja, das ist ein guter Gedanke.

Nach einer Weile: Radondo geht mir nicht aus dem Kopf. Er stellt uns nach., vielleicht zusammen mit Carlo jun. Das sind Konstellationen, die man erst einmal verdauen muss. Das wäre vor kurzem noch absurd gewesen, heute nicht mehr. Es ist bei den Clans die gängige Praxis geworden, zu fusionieren, soweit das eigene Interesse nicht darunter leidet, und zwar weltweit. Die Russen, Chinesen, Koreanern, Israelis, eine rein nationale Mafia gibt es nicht mehr.

Ich weiss, sagte sie. Wir sollten jetzt eine psychologisch ausgefeilte Strategie entwickeln, um Radondo und Co. abzuhängen.

Was hältst du davon, wenn wir Carlo eine eMail schicken und ihm einen Deal anbieten?

An welchen denkst du?

Tausche LKW mit wertvoller Ladung gegen.., ja, was meinst du, wieviel kann man verlangen?

So viel wie möglich, die Richterskala ist nach oben offen. Das überfällt ihn wie ein Erdbeben. Und: wir ziehen ihn über den Tisch, indem wir das Material auswechseln. Wenn er die Originalware wiederhaben will, muss er zweimal zahlen.

Giovannis Laune besserte sich, er hatte den Schock verdaut

Nun ja, wir haben wieder eine Idee. Weißt du, die Ideen dürfen einem nicht ausgehen. Sie sollten überdies originell sein, so originell, dass sie denen der anderen voraus sind. Das wird unsere Stärke sein. Die Ideen müssen so sein, dass sie sich nicht vorstellen können, dass sie von uns gekommen sind. Es muss so aussehen, als ob der Italiener den Russen, der Russe den Chinesen und so weiter, über den Tisch zu ziehen versucht.

Sie fuhren auf der Sauerlandlinie nach Süden.

Ob wir den Wagen wechseln müssen?

An sich nicht, meinte Giovanni, ausser, wir sind mit ihm aufgefallen. Sind wir denn überhaupt mit ihm aufgefallen?

Wir sind an Gianfranco vorbei, als sie den Reifen wechselten.

Sie werden uns nicht beachtet haben, er hat jetzt im Knast andere Sorgen. Und sonst noch?

Als wir Bertil abtransportierten. Radondo könnte das Motorgeräusch gehört haben.

Ziemlich unwahrscheinlich, sagte Giovanni, wir haben doch alles getan, nicht aufzufallen. Nein, den Motor hat er nicht gehört.

Na ja, vielleicht hast du Recht. Wie weit fahren wir heute?

Vielleicht bis Büdingen vor Hanau und irgendwann später bis Zellingen vor Würzburg. Da vermutet uns niemand. Wir sind Urlauber, die Deutschland kennen lernen wollen, die Leute nehmen uns das ab.

Wie sieht es – ich frage sicherheitshalber – mit dem Abhören deines Handys aus?

Gut, es kann nicht abgehört werden. Auch funktioniert bei meinem kein GPS für Carlo, insofern musst du dir keine Gedanken machen.

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20

Ein hübscher kleiner Gasthof mit reichem Schnitzwerk am Giebel, in Büdingen gelegen, direkt am Marktplatz. Das Haus war gediegen, hatte eine schöne, stilechte Einrichtung.

Wir bleiben voraussichtlich ein paar Tage, sagte Giovanni dem Wirt, wir sind auf einem Erkundungstrip, um Deutschland kennen zu lernen. Man kennt die halbe Welt, die entferntesten Orte, kaum aber Deutschland.

Ja, ja, sagte der Mann, eine vernünftige Idee. Deutschland ist wirklich schön. Einen Ort wie diesen finden Sie nicht auf den Bahamas, und Sonne ist nicht alles, sie ist sogar seit einiger Zeit gefährlich.

Ich weiss, sagte Giovanni, das Ozonloch, an dem wir Schuld sind.. Aber man kann es den Menschen nur schwer vermitteln, der eigene Egoismus lässt es nicht zu, auf etwas zu verzichten und es überdies einzugestehen. Der Gipfel von Kyoto war ja ein ziemlicher Reinfall, und Präsident Bush ist ein rücksichtsloser Bursche, der nur die eigenen Interessen im Auge hat. Vielleicht kann man ihn, seit er die Mehrheit im Parlament verloren hat, zur Räson bringen.

Oje, sagte der Wirt, ein schweres Unterfangen, wenn es überhaupt eins ist. Der Egoismus ist kaum auszurotten, und ein zweites Hauptübel ist die Bestechlichkeit.

Hauchdünne Parlamentsmehrheiten sind nicht viel wert, man kann sie leicht korrigieren, man weiss ja, wie das geht.

Ja, wohl wahr. Aber hier ist die Welt doch wohl noch in Ordnung, nicht wahr?

Im grossen und ganzen ja, sagte Herr Schlingmann. Kommen Sie mit mir auf einen Schluck? Oder sollen wir auf die gnädige Frau warten?

Sie hat zu tun im Moment, aber ich nehme ihr Angebot gern an.

Die Stammtischstube hatte etwas Altdeutsches. Eichenholz, Ohrensessel, geschnitztes Gebälk. Butzenscheiben, durch die das Sonnenlicht nur gedämpft eindrang.

Er holte eine Kiste mit Importen aus dem Schrank, bot an, dann eine Bocksbeutelflasche fränkischer Provenienz, Römergläser.

Sie stiessen an. Auf einen angenehmen Aufenthalt für Sie.

Danke, ich denke, es wird uns gefallen.

Beruflich sind Sie doch wohl nicht unterwegs?

Nein, ich verbinde diese Ding nicht so gern miteinander, man ist mit den Gedanken immer beim Geschäft. Import/Export, nicht so einfach, wie man gemeinhin denkt.

Und ich hätte geschworen, sagte der Wirt, Sie hätten etwas mit der Universität zu tun, Lehrauftrag und so.

Leider nein, sagte Giovanni.

O Gott, man kann sich irren. Aber wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Sie sehen nach Uni aus. Als Wirt entwickelt man mit der Zeit so eine Art, Gesichter zu entschlüsseln, haha, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Glauben Sie mir, es gibt typische Gesichter, Berufsgesichter wie es Verbrechergesichter gibt. Einen gewöhnlichen Geschäftsreisenden erkenne ich auf einen Abstand von hundert Metern.

Das ist, sagte Giovanni, ganz natürlich. Ich nehme an, Sie haben eine typische Klientel. Beamte, Studienräte, evangelische Pastöre und so weiter, abgeklärte Leute mit dem Schönheitssinn für alte Stadtkulturen, für Natur und vor allem Ruhe.

Ja, kann man sagen. Der Studienrat zB., der sich als Hobbygeologe betätigt, tritt anders auf und kleidet sich anders als der Autohändler, und bei dem kann ich sogar die Marke vorhersagen. Mercedes ist anders gekleidet als Opel oder Ford, VW und Audi ist irgendwie dazwischen, ich denke jetzt nicht so sehr an den feinen Zwirn, sondern mehr an das Auftreten.

Giovanni lächelte. Ich habe in meiner Jugend den alten Lamborghini gekannt, Bauer und Winzer und Traktorenhersteller, der plötzlich seinen eigenen Supersportwagen baute, nur, weil er einmal von dem alten Enzo Ferrari naserümpfend und herablassend behandelt worden war. Ich verkaufe meine Karossen nur an eine ausgesuchte Klientel, hatte der ihm vor den Kopf gesagt.

Das hat den alten Lamborghini so gefuchst, dass er sofort anfing, erfolgreich noch teurere, noch stärkere Supersportwagen zu bauen, was auf Enzo Ferrari nicht ohne Wirkung blieb. Der Bauer Lamborghini war eben ein Stier, ein Miura, und er hat es dem Enzo eine ganze Zeitlang ordentlich gezeigt.

Lebt der noch, der Lamborghini?

Nein, nicht mehr, er hat in seinen letzten Jahren nur noch seine Weinberge betreut und philosophiert.

Kein schlechter Job, sagte Schlingmann. Übrigens ist der Philosoph auch sehr leicht auszumachen, ganz gleichgültig, was er haupberuflich macht. Sie sind auch einer.

Danke für das Kompliment, aber Sie haben ein wenig Recht.

Sehen Sie. Wer wie Sie den Wein bedächtig trinkt und ebenso bedächtig an der Zigarre zieht, ist ein Philosoph. Die Schnellebigen ziehen hastig an der Zigarette und trinken auch hastig. Ich habe mich selten getäuscht. Allerdings kam ich einmal diesbezüglich in Schwierigkeiten. Ein Landsmann von Ihnen, der Name ist mir entfallen, trat auf wie ein Philosoph, zurückhaltend, freundlich, lächelnd, zuvorkommend. Der Mann wohnte mit seiner Frau ein paar Tage hier, angenehme Leute mit Stil, bis eines Tages ein Paar kam, mit dem sie sich verabredet hatten. Ich sage Ihnen, da fiel eine Welt in mir zusammen. Die Neuankömmlinge waren das glatte Gegenteil, schrill, bombastisch, polternd. Vor der Tür der knallrote Ferrari, an den Wurstfingern jede Menge Gold. Die Leute kehrten ihren Reichtum protzig heraus. Sie waren, Pardon, es handelte sich um Landsleute von Ihnen, mit einem Wort unangenehm.

Giovanni sagte, in jedem Volk gibt es solche Typen, Sie müssen sich deshalb nicht entschuldigen. Die Deutschen sind auch nicht mehr das typische Volk der Dichter und Denker. Gehen Sie mal in die grossen Städte und schauen sich um. Was man da zu sehen bekommt, ist alles andere als erhebend.

Wem sagen Sie das? Ich kenne mich aus. Die Leute, von denen ich gerade sprach, waren übrigens Mafiosi.

Interessant, sagte Giovanni. Und wie haben Sie die als Mafiosi erkannt?

Weniger erkannt als vermutet. 2 Tage nach ihrer Ankunft wurde ein Mann in meinem Hotel erschossen aufgefunden. Es gab keinen überführten Mörder, nicht mal Verdachtsmomente, die Leute, von denen ich sprach, waren nicht verdächtig, und die Polizei zog sich auch bald zurück.

Und wie hat sich das besagte Paar benommen?

Als ob nichts gewesen wäre, sagte Schlingmann, sie polterten und protzten weiter, ja schlimmer als vorher. Ich hatte den Verdacht, dass sie einen Sieg feierten.

Hm...das ist allerdings nicht typisch für die Mafia, soviel ich weiss, nichts an den Mafiosi ist typisch, auch nicht der sogenannte Pate mit schwarzer Hornbrille und Zigarre. Was meinen Sie, könnte ich in Ihren Augen einer sein?

Ach, sagte Schlingmann verlegen, Sie belieben zu scherzen.

Nein, nein, ich scherze keineswegs. Ich frage ernsthaft.

Nein, ich traue Ihnen das nicht zu. So etwas spürt man.

Es wird sich bei dem Toten um einen Aussteiger gehandelt haben, der zum Schweigen gebracht werden sollte. Wahrscheinlich einer, der sich heimlich zurückziehen wollte, aber dennoch aufgespürt worden ist.

Ja, so wird es wohl gewesen sein, sagte Schlingmann.